GNTM-Kandidat*innen im Kreuzfeuer: Wie viel Mobbing steckt im TV-Konzept?
GNTM ist bekannt dafür, seinen Kandidaten bestimmten Rollen zuzuteilen: die Zicke, die die immer lacht, oder die Talentierte, der eine grandiose Karriere winkt. Dass diese Rollen nicht nur während der Staffel, sondern auch danach die Zukunft der Models bestimmen, fällt oft erst im Nachhinein auf. Vor allem die Rolle der Zicke ist gefundenes Fressen für die Zuschauenden und jede ihrer Aussagen wird akribisch seziert. In den letzten Jahren äußerten sich immer mehr ehemalige Models der Casting- Show zu der absichtlichen Strategie hinter dem Format. Der absichtlichen Strategie einer zugeschnitten Rolle, die die Einschaltquoten in die Höhe schießen lässt. Peyman Amin, der von der ersten bis zur vierten Staffel an der Seite von Heidi Klum saß, erklärt, in den ersten Jahren hätten die Models den strengen Schönheitsidealen entsprechen müssen und die Sendung sei auf die Disziplin und das Aussehen der Models fokussiert gewesen. In den darauffolgenden Jahren seien Diversity und andere Themen, die der gesellschaftliche Wandel erzeugt habe, in den Fokus gerückt. Irgendwie hätten die Zahlen jedoch gehalten werden müssen und das werde durch die Inszenierung der Rollen erreicht.
Ein Beispiel: 2020 wurde Lijana Kaggwa die Rolle der „Zicke“ zugeteilt und damit ihr Leben verändert. Gebürtig stammt sie aus Kassel und studierte Lehramt, was sie für ihren Kindheitstraum, das Modeln, schließlich aufgab. Nach der Ausstrahlung der vierten Folge wurde sie mit Hassnachrichten bombardiert, die ihrer mentalen Gesundheit erheblich schadeten. Angriffe auf der Straße oder Accounts von Fans mit den Titeln wie „alle.hassen.lijana“ waren Konsequenzen ihrer Rolle bei GNTM. Die Folge waren Depressionen bis hin zu Suizidgedanken. Sie selber sagt, sie habe zu Hause gesessen und sich genau überlegt, wie sie ihr Leben am besten beenden könnte. Der Hass sei nicht nur an ihr ausgelassen worden. Giftköder im Garten für ihren Hund oder Beleidigungen gegen ihre Mutter im Supermarkt seien zur Normalität geworden. Polizeischutz und therapeutische Aufarbeitung seien nötig gewesen. Auch ein auf Cybermobbing spezialisierter Experte habe der Familie geholfen.
Lijana Kaggwa zeigte sich stark und gründete nach ihren Erfahrungen mit Cybermobbing einen Verein namens „Love always wins“, mit dem sie Präventionsarbeit betreibt und brachte zudem ein Buch über Cybermobbing raus. Sie zeigt den Grund für den immensen Hass auf. Der Schnitt und die dramatische Musik in GNTM riefen starke Emotionen hervor, die durch die Angst durch Corona und den Lockdown sowie die Langeweile verstärkt worden seien. Die Menschen freuten sich auf den Donnerstagabend, bei dem sie ihre Sorgen und freie Zeit mit Drama unter jungen Models verbringen könnten. Des Weiteren erklärt sie das Hauptproblem hinter Cybermobbing. Die Reaktion der Betroffenen sei nicht sichtbar, somit werde viel leichtfertiger mit Hass umgegangen. Das Problem verstärkend ist noch, dass die Zuschauenden bei Cybermobbing keine Zivilcourage zeigen und den Mobbern weiterhin Plattform bieten. Zwei Jahre nach ihrem Ausstieg veröffentlicht Lijana ein Enthüllungsvideo, indem sie der Produktion Manipulation vorwirft. Durch den Verstoß gegen die Verschwiegenheitsklausel kommt es danach zu einem Rechtsstreit zwischen der Studentin und der Produktion. Im Juli 2022 urteilt das Gericht schließlich zu ihren Gunsten. Aber auch ProSieben geht gerichtlich gegen ihre Statements vor. Das Landgericht Hamburg gibt ProSieben in drei von fünf Punkten Recht. Heutzutage wirkt Lijana sortiert und gefasst, wenn sie über ihre Erfahrungen spricht und betont „Ich weiß bis heute nicht, wieso mich fremde Menschen so gehasst haben.“ Die ehemalige Finalistin bemängelt, dass Online- Plattformen zu schlecht mit den Behörden kooperieren oder Algorithmen Hass- Kommentare sogar hervorheben, da diese viele Likes generieren. Sie behauptet zudem, Kandidaten werde vor Walks die Füße eingecremt und das, was sie vor der Kameras sagen, aus dem Zusammenhang gerissen. „Um die Einschaltquote zu erreichen, wird nichts dem Zufall überlassen.“
Soulin Omar, die in der 16. Staffel den dritten Platz belegte und jetzt national erfolgreich ist, äußert sich anders zu den Vorwürfen gegen GNTM. Es werde nichts manipuliert, man könne den ganzen Tag eben nicht in eineinhalb Stunden zusammenfassen. Außerdem komme es auch auf die Ausstrahlung der Kandidaten an und es sei klar, dass der Entertainmentfaktor gehalten werden müsse. Trotz der vielen Kandidaten, die über eine schöne Zeit bei Germanys Next Topmodel erzählen, gibt es weitere Kandidaten, die sich nach Lijana trauen, ihre Stimme zu erheben. Nathalie Volk, die 2014 mit 16 Jahren mitmachte, greift in ihrer Instagram-Story das Video von Kaggwa auf. „Heidi ist ein sehr falscher Mensch.“ In ihrer Staffel hatte Nathalie die Rolle als „Zicke“ und wurde mit ihren Aussagen berühmt. Die Siegerin der 14. Staffel, Simone Kowalski, war ebenfalls dem Hass der Zuschauer ausgesetzt. Nicht nur das Internet machte sich über ihre Ängste vor Shootings lustig, sondern auch ihre Mitstreiterinnen. Sie sei jung, mit allem überfordert gewesen und sich nicht bewusst gewesen, wie sehr sie zu einem Charakter geformt werden konnte. In einigen Clips habe sie sich selbst nicht wiedererkannt. In ihrer Vergangenheit habe sie bereits einigem standgehalten, sie sei dauerhafte Schmerzen an Füßen und Rücken, komplizierte Operationen und ein Jahr lang an Bett und Rollstuhl gefesselt. Auch während ihrer Teilnahme habe sie Schmerzen gehabt, die von vielen nicht ernst genommen wurden. Stattdessen wurde sie als Dramaqueen betitelt. Sie sagt: „Ich kam gesund in die Show und wurde krank.“ Weitere Vorfälle bestärkten ihre gesundheitlichen Probleme, wozu sie selber sagt „Ich habe die Show weitergeführt und alles getan, was sie von mir wollten, aber meine Gesundheit ging den Bach runter.“
Lijana, Simone und Nathalie waren nicht die einzigen Kandidaten die von Germany‘s Next Topmodel so geformt wurden, dass die Show auf ihren Kosten hin Gewinn machte. Sarah Knappik, Tessa Bergmeier und Nadine Wimmer – Bergamnn berichten ähnliche Erfahrungen. Andere Models erzählen von einer unvergesslichen Zeit und dem Sprungbrett zu einer Karriere auf Social Media. Trotzdem ist klar, GNTM fördert Mobbing und Hass im Internet durch zugewiesene Rollen, zusammengeschnittene Szenen und ein enges Zusammenleben der Teilnehmenden. Die Absicht dahinter sind hohe Quoten und Geldsummen, die durch das Leiden von Models und den Streitereien zwischen fast fremden jungen Frauen gewonnen werden. Viele ehemalige Kandidat/innen sagten aus, es müsse etwas an dem Format verändert werden und auch Zuschauende unterstützen dies. Es wird immer klarer, was GNTM mit den zumeist jungen Frauen anstellt und wie es ihr Leben auf nicht immer positive Weise verändert.
Ein Beitrag von unserer Redakteurin Sophia, Jg. 10
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