True Crime – ein Genre zwischen Faszination und Verantwortung
Eine junge Frau ist auf dem Weg zu einem Geschäftsessen. Nichtsahnend betritt sie das nahegelegene Restaurant, geht mit selbstbewusstem Schritt auf ihren Tisch zu. Was die Frau nicht ahnt, ist, wer genau mit ihr am Tisch sitzen wird. Und dass sie dieses Restaurant, dieses Meeting nicht mehr lebend verlassen wird.
So ähnlich beginnen viele der True Crime-Geschichten. Spannungsaufbau, Nervenkitzel. Anreize weiter zuzuhören, weiter zuzuschauen. Oft wird hierbei auch eine Bühne für Täter gebaut, eine Plattform, auf der über sie und ihre Taten diskutiert wird. Aber warum ist True Crime überhaupt so beliebt?
Als eigentlichen Ursprung und Grund für die Faszination an wahren Verbrechen zählen hierzulande Märchenerzählungen. Die Erzählung von Gruselgeschichten, von Hexen und Zauberei, aber vor allem die Darstellung von Gut und Böse ist der Grundstein für das heutige weit verbreitete Interesse an wahren Verbrechen. Mit genau diesen Geschichten bekommen wir schon in unserer Kindheit beigebracht, dass das Böse am Ende verliert, ganz egal wie clever Wolf, Hexe oder böse Stiefmutter auch vorgehen. Die Wölfe sterben, die Hexen verbrennen. Schlichtweg: die gute Seite der Welt siegt und die böse verliert. Was dabei in unseren Köpfen getriggert wird, ist der Wunsch nach Verständnis. Warum genau konnte diese Geschichte so passieren? Wieso ist die gute Seite des Lebens cleverer als die böse? Bei Märchen ist diese Erklärung einfach: weil es nun mal Märchen sind, fantasievoll erzählte Geschichten, die aus reiner Fiktion entstanden sind, aufgebaut auf Mythen und Legenden. Und auf genau diesen Prinzipien, dem Lösen und Miträtseln an Fällen, baut, so Experten, auch die Faszination am Genre True Crime auf. Die meisten Konsument/innen suchen nach der Lösung des Rätsels der Verbrechen, ähnlich auch wie früher bei Märchen oder anderen Fabelgeschichten. Was wir dabei oft vergessen, ist die Realität: True Crime erzählt wahre Kriminalfälle, keine Märchen oder Fantasieerzählungen. Das sind wahre Begebenheiten, teils aus Opfer, aber oft auch aus der Täterperspektive erzählt. Und genau auf diesem Grundgerüst aus Erzählungen baut nun eine riesige Faszination auf.
So richtig entstand der Hype um True Crime-Formate vor ein paar Jahren. Seit Anfang der 2010er Jahre werden immer mehr Filme, Podcasts oder Serien produziert, die sich mit wahren Verbrechen beschäftigen, und vor allem Podcasts gehören hierbei zu den am meisten konsumierten Medien. Ein Viertel aller deutschsprachigen Podcasts beschäftigt sich (laut einer Studie von seven.one audio) heutzutage mit wahren Verbrechen. Aber ist es für uns überhaupt sinnvoll, ja sogar dauerhaft gesund, so viel über Verbrechen oder Täter zu lesen oder zu hören?
Mindestens genauso lange wie es die Erzählungen von wahren Verbrechen gibt, so sind da auch immer kritische Stimmen. Denn was man bei der Produktion von True Crime, aber auch generell bei Geschichten immer beachten muss, ist die Erzählhaltung, also wie über die Fälle gesprochen und geschrieben wird. Die meisten Podcasts und Serien nehmen zwar, vor allem zu Beginn, die Perspektive der Opfer ein, dies droht jedoch oft in die Täterperspektive als zentralen Erzählungsstrang abzurutschen. Auf der einen Seite ist dies ganz klar nachzuvollziehen, denn um es etwas makaber auszudrücken: Ist das Opfer nicht mehr am Leben, bleiben nur noch Täter oder Ermittler als Hauptfiguren. In vielen Fällen ist die Tat aus der Sicht des Täters betrachtet hierbei interessanter. Der Blick durch seine Augen, ein Einblick in seine Denkweise und Motive. Dies führt jedoch dazu, dass Hörer/innen, Leser/innen und Zuschauer/innen sich in die Täter hineinversetzen. Ab genau diesem Zeitpunkt besteht laut Kritikern an diesem Genre eine große Gefahr: ein Wechsel hinsichtlich der zu bemitleidenden Personen. Die Täter-Opfer-Umkehr, auch Victim Blaming genannt. Dadurch wird, zumindest in den Augen und Ohren von Zuhörenden, der eigentliche Tatbestand geändert. Gut wird zu Böse, Böse zu Gut. Eine „Identifizierung“ mit der falschen Seite. Dieser Täter-Opfer-Wechsel passiert, und das ist an diesem Punkt ganz wichtig zu sagen, definitiv nicht bei allen True Crime-Formaten. Es gibt so viele Podcasts, Serien, Filme, die fantastisch recherchiert, gut herausgearbeitet und sachlich dargestellt sind. Aber genauso gibt es eben auch immer wieder unsaubere Recherche und fehlende Faktenklärung.
Ungenaue Recherchen und überzogene Storys, damit sind wir an dieser Stelle endgültig in der Unterhaltungssparte angekommen. Dem Punkt, an dem True Crime nicht mehr aus seinem eigentlichen Beweggründen produziert wird, sondern schlichtweg als Konsummittel. Wo Fälle übermäßig dramatisiert werden, aufgepuscht. Um es mit dem Bespiel vom Anfang zu verdeutlichen und sichtbarer zu machen: Unser eigentlicher Fall, das, was wir über den Sachverhalt wissen und was auf belegbaren Fakten beruht, ist hierbei, dass eine Frau auf dem Weg zu einem Geschäftsessen ist. Über alles andere, beispielsweise ihren Gemütszustand, ihre Gedanken und Vorahnungen können wir nur spekulieren. Denn wenn die junge, fiktive Frau, an diesem Abend sterben wird, sind alle weiteren „Fakten“ Fiktion, aufgebaut auf der Vorstellung der erzählenden und lesenden Personen. Wer weiß, vielleicht wurde die Frau ja gewarnt. Vielleicht wusste sie doch, wen sie treffen sollte. Beweisen kann das niemand. Der Ursprung der Geschichte ist in unserem Bespiel daher also in den objektiven Fakten zu erkennen. Ob alles andere drum herum, alles Subjektive, jedoch stimmt, darüber können wir nur spekulieren.
Zwischen True Crime-Formaten muss also unterscheiden werden: True Crime als Unterhaltungsfaktor und Konsummittel vs. sauber recherchierte Formate, die wirklich zur Aufklärung von Kriminalfällen beitragen können. Letzteres, also helfende und objektive Formate, sind in Deutschland glücklicherweise ebenfalls häufig vertreten. Die Sendung „Aktenzeichen XY“, die seit 1967 im ZDF läuft, hat mittlerweile eine Aufklärungsrate von 38,8 Prozent. Umgerechnet wird also mehr als jeder dritte Fall, der dort besprochen wird und über den Fakten gesammelt wurden, im Nachhinein geklärt. Klar, Aktenzeichen XY ist sowohl ein öffentlich-rechtliches als auch ein seriöses und bekanntes True Crime-Format, trotzdem ist es ein sehr gutes Beispiel für den Erfolg von True Crime, sowohl gesellschaftlich als auch hinsichtlich der Faktentreue gesehen.
Ein gewisses Maß von Fiktion gehört dazu. Fiktion und Spekulation machen alle Geschichten und Storys interessanter, eben auch True Crime. Und bis zu dem Punkt, wo dadurch keine Fakten verloren gehen oder verändert werden, machen diese kleinen Details die Spannung von wahren Verbrechen aus. Die Wahrheit darf nur nicht verschwinden, genauso wenig wie unser eigenes Hinterfragen und Denken. Denn wenn die Wahrheit verschwindet, wir damit aufhören kritisch zu denken, und das ist das, was ich eigentlich ausdrücken möchte, dann befinden wir uns endgültig in der Fiktion und der Unterhaltungsbranche. Dann beruht vieles von dem, was wir zu glauben meinen, auf eigener Interpretation: Die Grenze zwischen Wahr und Erfunden, zwischen Märchen und wirklichem Verbrechen droht zu verschwimmen. Diese Grenze, und damit etwas essenziell Wichtiges: das True in True Crime.
Ein Kommentar von unserer Redakteurin Feemke, Jg. 9
Bild erstellt mit Dall.E 3