Worte ohne Wert – Ein TV-Duell ohne Gewinner

„Was Sie da erzählen ist einfach nur lächerlich.“

„Sie leben nicht in dieser Welt. Was Sie hier erzählen ist ein Märchenschloss.“

„Wie dumm kann jemand sein?“

„Warum soll man so doof sein?“

Wo denkt ihr, kommen diese Aussagen her? Aus einer Auseinandersetzung von zwei halbstarken Jugendlichen? Aus einem ausgeartetem Geschwisterstreit? Eher weniger… All diese Aussagen stammen von zwei der größten deutschen Politikern: Unserem amtierenden Kanzler und erneuten Kanzlerkandidaten der SPD, Olaf Scholz, und dem Spitzenkandidaten der CDU/CSU (Union), Friedrich Merz. Beide trafen am Sonntag den 09. Februar im ersten TV-Duell des Wahlkampfs für die Bundestagswahl am 23. Februar aufeinander. So knapp vor dieser wollen wir nun einmal diese TV-Duelle genauer unter die Lupe nehmen: Sind sie noch demokratisch oder schon republikanisch und populistisch? Geht es wirklich um den Wahlkampf und die Ziele der eigenen Partei oder eher darum den anderen schlecht darzustellen? Bringen sie überhaupt was? Interessieren wir Jugendlichen uns überhaupt dafür? Und ähneln unsere Duelle mittlerweile fast denen, die wir aus den USA kennen? All das wollen wir jetzt herausfinden.

Lasst uns zunächst das TV-Duell vom Sonntag dem 09.02. noch einmal genauer anschauen. Ab 20:15 Uhr konnte das von der ARD und dem ZDF veranstaltete 90 minütige Duell angeschaut werden. Moderiert wurde es von Sandra Maischberger und Maybrit Illner. Scholz und Merz diskutierten während dieser Zeit zentrale Themen des Wahlkampfs. Dazu gehörten Migrationspolitik, die aktuelle Wirtschaftslage Deutschlands und der Umgang mit der teils gesichert rechtsextremen AfD. Olaf Scholz war der Ansicht, dass Friedrich Merz die Realität nicht anerkenne und kritisiert seine Haltung zur Migrationspolitik. Dieser betonte jedoch, dass strengere Maßnahmen unausweichlich seien und unterstellte gleichzeitig seinem Konkurrenten Scholz, dass dieser die Probleme nicht ernst nehme.

37% von Befragten einer Umfrage der „Forschungsgruppe Wahlen“ sahen Scholz als besseren Kandidaten. 34% sahen hingegen Merz vorne und 29% waren der Ansicht, dass beide gleich stark waren und es keinen Gewinner gäbe. Scholz wurde als sympathischer und glaubwürdiger angesehen, wobei Merz als kompetenter galt. Die Umfrage wurde unter 1374 Wahlberechtigten durchgeführt. [Quelle: Welt.de]

Wahlberechtigte. Das ist ein gutes Stichwort. Denn das heißt, dass in der Umfrage nur die Meinung von Volljährigen zu sehen ist. Doch was denken Jugendliche und die gesamte jüngere Generation von dem Duell der beiden Kontrahenten? Wir haben uns im Zuge dieser Recherche auch einige Stellen aus dem Duell angesehen und konnten uns ziemlich schnell eine eigene Meinung bilden.

[Disclaimer: Folgender Abschnitt ist wie bereits erwähnt unsere persönliche Meinung und deshalb nicht als allgemein gültig aufzufassen.]

Wir sind der Ansicht, dass dieses TV-Duell eigentlich nichts gebracht hat. Es kam für uns so rüber als hätten sich Scholz und Merz teilweise nur angegiftet. Sie sind häufig nur den anderen persönlich angegangen, anstatt über das Wahlprogramm und die gesamte Partei zu reden. Das haben wir auch an den starken Aussagen vom Anfang gesehen. Auch hatten wir das Gefühl, dass sich die beiden öfters im Kreis gedreht und nur manche Themen, diese dann aber dafür immer und immer wieder, durchgekaut haben. Aussagen wie „Ich möchte nur noch einmal betonen, dass […]“, obwohl bereits schon dreimal über diesen Punkt gesprochen wurde, verstärken diesen Eindruck und hinterließen bei uns persönlich kein so gutes und vielseitiges Bild von dieser Debatte.

Es schien uns auch so, als würden Scholz und Merz beide versuchen jeweils „Totschlagargumente“ gegen den anderen zu finden, anstatt für sich und das, was die eigene Partei gut macht, zu argumentieren. Und dort kommt bei uns die Frage auf, ob das noch in unseren demokratischen, deutschen Wahlkampf passt oder nicht eher schon in den republikanischen US-Wahlkampf, wo es einzig und allein darum geht den anderen schlecht dastehen zu lassen. Dazu später aber mehr.

Etwas, was uns auch aufgefallen war, ist, dass die beiden nicht über Themen gesprochen haben, die uns Jugendliche betreffen. Klar sind Themen wie Migration und Wirtschaft auch für uns irgendwie wichtig, aber Sachen, die wirklich uns angehen, wurden nicht angesprochen. Wir denken da an Bereiche wie das Bildungssystem (was nebenbei schon irgendwann mal saniert werden müsste). Doch wie kann das sein? Wenn man aber mal genauer darüber nachdenkt, ist es sogar fast logisch, dass diese Debatte nicht für Jugendliche attraktiv gestaltet wurde. Denn warum sollte man Jugendliche ansprechen, wenn es mit Blick auf das Wahlergebnis gar nichts bringt? Schließlich darf ein Großteil der Jugendlichen nicht wählen, weshalb es sozusagen verschwendete Zeit wäre. Dazu wird ein Großteil der Wählerinnen und Wähler nicht angesprochen, wenn man über Themen spricht, die hauptsächlich Jugendliche etwas angehen. Aber genau diese Wähler will man für sich gewinnen, deshalb lässt man die Themen, die nur für die Nichtwähler interessant sind, aus (abgesehen natürlich von deren Eltern, für die Themen wie Bildung trotzdem interessant wären). Doch ist dies wirklich so klug? Momentan gewinnt man vielleicht für diese Wahl Stimmen, doch wie sieht es bei der nächsten Wahl aus? Dort dürfen dann auch die Jugendlichen wählen, die jetzt nicht angesprochen wurden. Und ob die dann ein so gutes Bild von den Politikerinnen und Politikern haben, die sie jetzt ignoriert haben, ist nicht gewiss. Und sollte es nicht eher darum gehen langfristig Stimmen zu gewinnen?

Am Ende gehen wir eher besorgt aus diesem Duell heraus: Wenn die aktuelle politische Stimmung so aufgeheizt ist, wie im TV-Duell, wie wird es dann bei zukünftigen Entscheidungen im Bundestag aussehen? Und wollen wir wirklich einen Kanzler, der mehr als viermal so alt ist wie wir Jugendlichen und der noch dazu auf eine persönliche Ebene geht und einen nahezu republikanischen Wahlkampf führt? Es bleibt also abzuwarten, was der weitere Wahlkampf und besonders die weiteren TV-Duelle in nächster Zeit bringen, besonders wenn dann andere Parteien wie Grüne oder AfD Impulse setzen…

[Folgende Abschnitte beruhen wieder auf einer sachlichen Internetrecherche]

Doch woher kommt das Modell TV-Duell eigentlich genau und geht es wirklich darum seine Gegner schlecht aussehen zu lassen? Die TV-Duelle (auch Fernseh-Debatte genannt) stammen, wie so vieles, aus den USA. Dort fanden Debatten zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten aber bereits lange vor der Erfindung des Fernsehens statt und sind somit die Vorgänger der heutigen TV-Duelle. Schon 1858 debattierten Illinois Abraham Lincoln und Stephen A. Douglas vor Publikum über das zukünftige Verfahren mit Sklaverei. Das erste im Fernsehen übertragene Duell fand dann 1956 statt. Die Geschichte des „typisch amerikanischen“ TV-Duells begann aber erst 1960: Der von einer Krankheit geschwächte Richard Nixon stand seinem fitten Konkurrenten John F. Kennedy gegenüber. Nixon wirkte krank und gebrechlich, wohingegen sein Konkurrent agil und gesund auftrat. John F. Kennedy gewann nicht nur das Duell sondern auch die US-Wahl.

Bild wurde von der KI DALL.E 3 erstellt.

Somit war der Mythos des wahlentscheidenen TV-Duells geboren, in dem es darum geht, dass der, der stärker wirkt, das Duell und die Wahl gewinnt, ganz abgesehen von seinem oder ihrem Wahlprogramm. Zugegeben, im republikanischen Wahlkampf der USA stimmt es auch, dass wer als Person stärker wirkt meist gewinnt, da es ja eh nur zwei Parteien gibt, die sich stark auf ihre Person an der Spitze fokussieren. So ist und bleibt das Modell des TV-Duells bis heute das wichtigste und wahlentscheidenste Mittel im Wahlkampf der USA.

In Deutschland begann man bereits 1969 ein TV-Wahlkampf nach amerikanischen Vorbild einzuführen zu wollen, scheiterte jedoch immer wieder. Erst 2002 gab es das erste richtige TV-Duell zwischen zwei Kanzlerkandidaten und seitdem duellieren sich die jeweiligen Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten zu jeder Bundestagswahl. Bei der letzten Bundestagswahl gab es auch ein sogenanntes „Triell“ zwischen den drei Spitzen aus Union, SPD und Grünen und in diesem Jahr kommt noch jeweils eine Partei dazu, was es zu einem „Quadrell“ macht. Dort treffen die Kanzlerkandidatinnen und Kanzlerkandidaten der vier größten deutschen Parteien aufeinander: Olaf Scholz (SPD), Friedrich Merz (Union), Robert Harbeck (die Grünen) und Alice Weidel (AfD). Mit Zuschauerzahlen um durchschnittlich 15 Millionen gehören TV-Duelle zu den beliebtesten Wahlkampfveranstaltungen Deutschlands. Übrigens, Maybritt Illner (vom ZDF) moderierte bereits das erste Deutsche TV-Duell 2002 und ist seitdem bei jeder Bundestagswahl Moderatorin von den Aufeinandertreffen, auch am 09. Februar diesen Jahres.

Einige Experten sehen TV-Duelle im deutschen Wahlkampf jedoch kritisch. Ein Punkt dafür ist, dass sie nicht zur deutschen Demokratie und in unser Wahlsystem passen würden. Sie fixierten und fokussierten sich lediglich auf die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten, was dazu führen könnte, dass die gesamte Botschaft der Partei auf die Performance des Kandidierenden beschränkt wird. Diese Personifizierung der Politik sei eine große Gefahr für die Deutsche Demokratie, die den bereits erwähnten und sogenannten „Nixon-Kennedy-Mythos“ befeuern würde. Doch auch dieser ist umstritten: Manche Experten sagen, dass es wirklich einen Einfluss auf den Ausgang des Duells und der Wahl hat, wer stärker und gesünder wirkt. Manche widersprechen dem strikt und sagen, dass dies überhaupt nicht stimmt und eben nur ein Mythos sei. Fakt ist aber, dass politische Meinungen und Standpunkte zu Parteien stark durch solche Duelle, aber auch durch ihre Nachbearbeitung von Fernsehsender, beeinflusst wird.

Was aber am Ende bleibt, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit von TV-Duellen, im Allgemeinen aber auch für uns auf deutscher Ebene. Bringen sie wirklich etwas im Wahlkampf oder ist es nur ein Schlagabtausch von persönlichen Vorwürfen und Beleidigungen? Laufen wir Gefahr, dass unsere deutschen TV-Duelle auch immer mehr zu Unterhaltungssendungen werden, mit denen man Wählerstimmen sammeln will? Entfernen wir uns mehr und mehr von einem sachlichen, auf Fakten basiertem Wahlkampf und sind dann bereits fast wie die republikanische USA? Und verändern beziehungsweise formen TV-Duelle überhaupt eine Wahlentscheidung? Und ganz besonders, schaut ihr als Jugendliche überhaupt TV-Duelle? 

All das sind Fragen, die wir uns und die ihr euch stellen müsst, um euch eine eigene Meinung zu dem Thema bilden zu können. Und diese ist essenziell wichtig, denn eine Demokratie lebt von starken, eigenen Meinungen. Und auch wenn unsere jugendliche Stimme bei der Wahl noch nichts zählt, ist sie für den deutschen, politischen Diskurs unabdingbar, denn wir sind die nächste Generation, die in Deutschland lebt. Also bildet euch eure eigene Meinung und lasst die Politiker sie hören, damit in Zukunft vielleicht ein größeres Augenmerk auf uns Jugendliche und unsere Probleme gerichtet wird. Und vor allem, damit wir weiterhin in einem demokratischen, offenen und diversen Land mit Meinungsfreiheit leben können!

Von Jeska, Nela und Lasse aus Jahrgang 10

Das Beitragsbild hat die KI DALL.E 3 generiert.