Time to say Goodbye – Das Abschiedsinterview mit Frau Heyber
Frau Heyber wird die Eichenschule zum Ende des ersten Halbjahrs 2025/2026 verlassen. Zu diesem besonderen Anlass hat die Schülerzeitung ein letztes Interview mit ihr geführt.
ES-Magazin: Wie sind Sie dazu gekommen Lehrerin zu werden?
Frau Heyber: Hm, rational gesehen, war es nach meinem Abitur reine Dummheit, ein Lehramtsstudium zu beginnen, denn mit Lehramtsabsolventen konnte man die Straße pflastern, sprich: Es gab keine Stellen. Ich weiß mein Glück bis heute kaum zu fassen, keinen einzigen Tag ohne Lehrerjob gewesen zu sein. Am Ende meines Referendariats in Hannover las ich eine Stellenanzeige der Eichenschule in der Zeitung „DIE ZEIT”, bewarb mich und – siehe da – landete in Scheeßel. Ich wusste damals tatsächlich schon, wo Scheeßel liegt, denn ich war als Schülerin mal im Rahmen von JtfO Leichtathletik im Waldstadion gewesen.
ES-Magazin: Wie lange waren Sie Lehrerin an dieser Schule?
Frau Heyber: Ich habe im Sommer 1989 an der Eichenschule begonnen – da war ein großer Teil meiner jetzigen Kolleginnen und Kollegen noch nicht einmal geboren. Es sind nun also tatsächlich 36 ½ Jahre, kaum zu glauben. Dass es eine so lange Zeit werden würde, war damals nicht abzusehen. Ich dachte, es wäre eine Durchgangsstation, denn mein Mann wechselte zu der Zeit von unserem Hauptwohnsitz in Hannover nach Frankfurt/Main. Aber ich bin dankbar, dass das Leben mich hierher geführt hat: Es ist eine tolle Schule mit tollen Schülerinnen und Schülern und einem tollen Kollegium.
ES-Magazin: Warum haben Sie sich für ihre Unterrichtsfächer Englisch und Deutsch entschieden?
Frau Heyber: Das ist eine gute Frage. Es hätten eigentlich auch andere Fächer werden können, bis auf Musik oder Physik, denn da fehlte mir jegliche Vorbildung. In meinen Zeugnissen stand bei Musik über Jahre hinweg „nicht erteilt“, da es damals nicht genügend Musiklehrer gab. Da fiel das Fach einfach aus. Aber gut: Literatur und Sprache fand ich immer interessant und bereichernd.
ES-Magazin: Wie kam es dazu, dass Sie die Theater-AG übernommen haben?
Frau Heyber: Ich wurde im Einstellungsgespräch gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, eine Theater-AG zu übernehmen. Da Lehrerstellen damals sehr, sehr knapp waren, habe ich sofort im Brustton der Überzeugung geantwortet, dass dies überhaupt kein Problem sei. Schließlich hatte ich in meiner Schulzeit mit Begeisterung Theater gespielt und im Germanistikstudium einige Semester Dramaturgie belegt. Als ich die Zusage für die Lehrerstelle hatte, wurde ich gleich zu den Aufführungen des Kollegen Thomas Stermann eingeladen, der sich über Unterstützung im Theaterbereich freute – er feierte gerade mit gleich zwei Theatergruppen gleichzeitig Premiere. Nachdem ich seine beiden beeindruckenden Inszenierungen gesehen hatte, dachte ich bei mir: „Ach Du Schande, worauf hast Du Dich da eingelassen…“. Aber einige Kernkompetenzen für die Leitung einer Theatergruppe brachte ich mit: ein strapazierfähiges Nervenkostüm, Einfallsreichtum und die Zuversicht, dass alles gut werde. Die anderen Kompetenzen wurden durch Weiterbildungen und „learning by doing“ geschärft – und durch die Freude an der Theaterarbeit.Es müssten ca. 30 Stücke sein, die ich mit spielfreudigen jungen und älteren Schülerinnen und Schülern erarbeitet habe. An mein erstes Stück hat mich übrigensvor einigen Jahren Frau Naber erinnert. Sie sagte: „Ich habe in deinem ersten Theaterstück mitgespielt: ‚Krach auf Speedostar‘“.
ES-Magazin: Was ihr liebster „typischer Lehrerspruch“?
Frau Heyber: Hm, da müsste man eigentlich die Schülerinnen und Schüler fragen, welche Sätze oder Wörter sie mir zuschreiben. Die mussten es ja ertragen. Aber ich glaube nicht, dass sie bei mir die Anzahl von „genau“, „sozusagen“ oder „äh“ binnen einer Stunde mitgezählt haben…
Wenn ich einem Kind im Unterricht zum Geburtstag gratuliere, frage ich fast immer:„Hast Du denn auch ein Buch geschenkt bekommen?“ Und in spontanen Vertretungsstunden ist meine Standardeinleitung: „Ich möchte euch hier ein paar neue Bücher vorstellen, die ihr in der Bibliothek ausleihen könnt.“
ES-Magazin: Was ist Ihre schönste Erinnerung als Lehrerin?
Frau Heyber: Wie kann ich eine solche Frage beantworten? Da gibt es unzählige Erinnerungen, die schön und herzerwärmend sind. Zum Beispiel jede einzelne Theaterpremiere, in der eine zu einem Team zusammengewachsene Gruppe junger Menschen konzentriert arbeitete und sich die ganze Spannung beim Schlussapplaus entlud. Besonders gefreut habe ich mich immer, wenn ein Kind, dass zunächst recht schüchtern und verhalten agierte, schließlich über sich hinauswuchs. Schön war auch zu erleben, dass sich Schülerinnen und Schüler immer wieder bereitwillig und engagiert weit über ihre Unterrichtszeit hinaus für uns und unsere Projekte einsetzten, z. B. unsere Technikteams. Ich denke gern an die zahlreichen 5./6. Klassen, die ich als Klassenlehrerin im Team mit John Köhler oder Christian Oltmann, einmal auch mit Volkmar Bendukat, zwei Jahre lang begleiten und unterrichten durfte. Schön war es, diese kleinen Menschen dann als junge Erwachsene in Jg. 12/13 im Deutsch-LK wiederzusehen und zum Abitur führen zu können. Mir fallen auch die tollen Erfahrungen ein, die ich gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern bei Austauschaktivitäten in den USA, in Schweden, in Lettland, in Krakau sammeln durfte.
ES-Magazin: Finden bzw. fanden Sie ihren Beruf erfüllend?
Frau Heyber: „Erfüllend“ – das bedeutet ja: „die Gedanken und Gefühle stark bestimmend“ oder auch „den Erwartungen entsprechend und zufrieden machend“. Nach diesen Definitionen kann ich die Frage voll und ganz bejahen. Alles, was in der Schule geschieht und besonders, was die jungen Menschen angeht, denen ich in der Schule begegne, bestimmt die Gedanken und Gefühle – auch über den Unterricht hinaus.
ES-Magazin: Gibt es etwas, auf dass Sie sich freuen, wenn Sie Rentnerin sind?
Frau Heyber: Aber hallo! Morgens um 7.30 Uhr keine Schulklingel zu hören, sondern mit meinem Mann am Kaffeetisch zu sitzen, in den Garten zu gucken, zu plaudern oder Zeitung zu lesen – darauf freue ich mich. Außerdem habe ich mir fest vorgenommen, von nun an im Mai und Juni viele nette kleine Unternehmungen zu machen – Radtouren, Ausflüge nach Hamburg, Bremen oder an die Küste, Treffen mit Freunden und Familie – all das, wofür in dieser schönen Jahreszeit mit den vielen Feiertagen nie Zeit war, weil ich jedes Jahr Abiturklausuren auf dem Tisch hatte. Nur mal zum besseren Verständnis für Nicht-Lehrer, ohne dass ich jammern will: Ein ehemaliger Kollege hat mal über Jahre hinweg ermittelt, dass für die Korrektur einer einzelnen Deutsch-Abiklausur (Leistungskurs) durch den Fachlehrer sechs bis sieben Zeitstunden anzusetzen sind, das macht für einen Kurs mit 20 Abiturienten also 120 bis 140 Arbeitsstunden, die man in einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen neben dem normalen Unterrichtsgeschehen „herbeizaubern“ muss. Als Korreferent und Fachprüfungsleitung sitzt man an diesen Arbeiten auch noch mal geraume Zeit. Ja, ich weiß: Dafür haben wir auch lange Ferien. Aber Mai/Juni war stets blöd, und zwar für die ganze Familie. Im kommenden Frühjahr werde ich somit mit Dauergrinsen durch die Gegend laufen, hoffe ich.
ES-Magazin: Werden Sie es vermissen zu unterrichten?
Frau Heyber: Ja, definitiv. Ich hatte im Unterricht meistens eine Menge Spaß – wie es der Schülerschaft erging, kann ich nicht so genau sagen. Den täglichen Umgang mit so vielen, so unterschiedlichen jungen Menschen zwischen 10 und 20 Jahren werde ich sicher vermissen. Ich weiß nicht, ob ich da inzwischen so einen „Greisenbonus“ habe oder so („lasst uns nett zu der älteren Frau sein“), aber ich erlebe unsere Schülerinnen und Schüler als ausgesprochen freundlich und höflich.
ES-Magazin: Wie fühlen Sie sich dabei die Schule zu verlassen?
Frau Heyber: Nach soooooo vielen Jahren ist das schon ein komisches Gefühl, und ich werde vieles vermissen. Aber ich freue mich auch sehr, fortan nicht mehr im 45-Minuten-Takt unterwegs zu sein und über meine Zeit selbst bestimmen zu können. Außerdem heißt es ja schon im Musical „Tabaluga“: „Abschied heißt, was Neues kommt!“ Oder bei Dr. Seuss: „Don’t cry because it’s over. Smile because it happened.“
ES-Magazin: Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?
Frau Heyber: Dass ich sehr gern lese und Literatur liebe, ist wohl kein Geheimnis. Ich werde mich also ausgiebig mit Büchern beschäftigen. Mein Mann und ich besuchen auch sehr gern Konzerthallen, Theater, Museen, Kinos. Man wird uns sicher häufiger in Bremen und Hamburg antreffen, wo man sich vor Kulturangeboten auf höchstem Niveau ja kaum retten kann. Außerdem verbringe ich sehr gern Zeit mit meiner Familie und mit Freunden – auch bei intensiven Gesellschaftsspielrunden. Weiterhin machen wir gern Radtouren und Wanderungen, fahren an die Küste (ich komme ja von der Nordseeküste) und in die Berge – und mögen auch die Regionen dazwischen. Es gibt überall Interessantes und Schönes zu erkunden. Mal sehen, was noch alles kommt – ich bin da offen und zuversichtlich!
ES-Magazin: Was möchten Sie zum Schluss vielleicht noch mitgeben?
Frau Heyber: Ach herrjeh, nun muss ich auch noch etwas Geistvolles sagen? Sollte ich aus der Literatur zitieren? Okay, nicht originell, aber richtig gut: Der alte Kant, mit dem jeder Schüler und jede Schülerin sich im Deutschunterricht befassen muss, hat es in dem allzeit gültigen Imperativ formuliert:
„Sapere aude – habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Das ist schwierig in digitalen Zeiten, wo man alle Informationen dieser Welt mit wenigen Klicks erhalten kann und man sich vor „Fakten“ und „Blasen“ nicht retten kann und wo die Lust an Nölerei und Empörung so groß ist. Und wo chatgpt jede Frage in Sekundenschnelle beantwortet.
Trotzdem – bleibt auf dem Weg der Aufklärung! Seid mutig, seid neugierig, seid zuversichtlich und (im Sinne von Margot Friedländer) „Seid Menschen“!
Ui, das war aber ein pathetischer Abschluss. Naja, schadet nix – ich bin dann mal weg.
Das Interview hat unsere Redakteurin Emily aus dem 10. Jahrgang geführt.