80 Jahre später ist keine Zeit, zu vergessen! – Eichenschüler/innen im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg
Der heutige Donnerstag ist in ganz Europa ein wichtiger Gedenktag. An diesem Tag wird des Endes des 2. Weltkrieges in Europa gedacht (in anderen Teilen der Welt setzten sich die Kriegshandlungen noch fort). In diesem Jahr jährt sich das Kriegsende zum 80. Mal. Vor über 80 Jahren litten, kämpften und starben Menschen auf der ganzen Welt unter dem grausamen NS-Regime, angeführt von Adolf Hitler. Von 1939 bis 1945 beherrschte Angst und Schrecken die Welt aufgrund des 2. Weltkrieges und dem damit einhergehenden Genozid an mindestens 6 Millionen Juden und weiteren zahllosen Unschuldigen.
Doch gab es auch diejenigen wie Albrecht Weinberg, die all diese Gräueltaten miterlebten und dennoch überlebten. Albrecht (Anm. d. Red. Albrecht Weinberg merkte bei seinem Besuch uns gegenüber an, dass er nicht Herr Weinberg sei, sondern lieber bei seinem Vornamen genannt werde) war zum Kriegsende gerade einmal 20 Jahre alt und trotzdem war sein Leben schon damals so enorm von dem geprägt, was ihm widerfahren war, dass er die Geschehnisse von damals nicht hinter sich lassen kann. Er erzählte uns am 11.11.2024 bei einem ganz besonders bewegenden Besuch an unserer Schule von seinen noch immer glasklaren Erinnerungen: „Es gibt ein Wort – Holocaust-Syndrom – das ist bei mir immer hier oben drin. […] Du kannst wohl sagen: ,ja es war so‘, aber es bleibt nicht hängen, bei mir hängt es!“ Albrecht Weinberg erzählt, damit WIR nicht vergessen, damit es nie wieder geschieht. Er ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, stolze 100 Jahre alt und leistet noch immer unermüdlich Erinnerungsarbeit. Er besucht Schulen wie unsere, um uns Jugendlichen zu verdeutlichen, was ihm und vielen anderen Juden und Jüdinnen im Dritten Reich widerfahren ist und nie wieder so passieren darf. „Es war fürchterlich, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen, wie da gemordet wurde.“
Dies und vieles mehr erzählte er uns während des Interviews, das im letzten November in unserem Theatersaal stattfand. Albrecht wuchs in Rhauderfehn in Ostfriesland auf und ging bis zu seinem 13. Lebensjahr dort auch zur Schule. Er wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren und war daher auch dieser Religion angehörig. Dieser winzige Unterschied zu seinen Mitschülern wurde ihm 1938 zum Verhängnis. Von da an verbot die NS-Regierung seinen Schulbesuch und er musste Zwangsarbeit ableisten. Aber nicht nur sein alltägliches Leben wurde eingeschränkt oder zerstört, alle Juden und Jüdinnen in Deutschland sowie Oppositionelle und nicht der arischen Ideologie (Anm. d. Red. das arische Aussehen und Verhalten galt nach der Rassenideologie des NS-Regimes als Ideal, hatte aber keine wissenschaftliche Begründung) entsprechende Bevölkerungsgruppen litten unter der Kontrolle des nationalsozialistischen Terrorregimes.
Für uns organisiert hatte dieses außergewöhnliche Gespräch die ehemalige Eichenschülerin Sandra Witte, die mittlerweile bei der israelischen Botschaft in Berlin arbeitet. Durch ihre Arbeit kam sie in Kontakt mit Albrecht und baute eine freundschaftliche Beziehung zu ihm auf. Obwohl Albrecht aus gesundheitlichen Gründen eigentlich keine längeren Fahrten mehr auf sich nimmt, hatte er sich Sandra Witte zuliebe mit seiner Begleiterin aus Ostfriesland auf den Weg zu uns an die Eichenschule gemacht, um mit uns zu sprechen.
Albrecht selbst lächelte, als er uns von seiner Kindheit erzählte. Er habe mit seinen beiden Geschwistern ein gutes Elternhaus gehabt und immer „schön“ spielen können, bis Adolf Hitler Reichskanzler geworden sei. Er erzählte uns dann von der Reichspogromnacht 1938, der Nacht, in der allen Juden und Jüdinnen in Deutschland – auch ihm und seiner Familie – klar geworden sei, dass sie nicht mehr erwünscht gewesen seien. Albrecht erzählte nur stockend und mit Tränen in den Augen von diesem Ereignis und uns im Publikum wurde schnell bewusst, welche immensen Auswirkungen eine solche Erfahrung auch 80 Jahre später noch auf Betroffene hat.
Bei der weiteren Erzählung seiner Geschichte war es mucksmäuschenstill im Saal – alle waren ehrfürchtig und lauschten seiner bildhaften Erzählung. Was er über Auschwitz und die Zwangsarbeit, die er als Jugendlicher verrichten musste, berichtete, ist so faszinierend wie erschreckend zugleich: „Am nächsten Tag sind wir nach Auschwitz gefahren worden, aber wir haben nicht gewusst, was Auschwitz war. […] im Großen und Ganzen war es nur Mord und Totschlag.“ Dass Albrecht trotzdem überlebte, kam einem Wunder gleich – auch, dass es sogar gelang, seine ebenfalls von den Nationalsozialisten verschleppten Geschwister nach Kriegsende wiederzufinden. Zunächst wanderte Albrecht mit seiner Schwester in die USA aus und baute sich dort eine neue Existenz auf. Schließlich kehrten beide doch zurück und er leistet seitdem unermüdlich Erinnerungsarbeit.
Albrecht Weinbergs Erinnerung daran, was aus Unverständnis für andere Denkweisen entstanden und zu einem Völkermord wuchs, zu hören, war für kaum jemanden im Saal leicht zu ertragen. Doch sei genau dies aus Albrechts Sicht so relevant, da er denkt: „Jugendliche müssen davon lernen. […] Ich sehe keine schöne Future für die ganze Welt, nicht nur für die Jugend. Zum Beispiel jetzt mit den Rechtsradikalen. Seid nicht schüchtern und macht den Mund auf! Das ist alles, was man machen kann.“ Bei diesem Gespräch mit Albrecht Weinberg ist den meisten im Publikum bewusst geworden, wie enorm die Auswirkung eines Regimes sein können beziehungsweise damals vor über 80 Jahren waren. Diese Erinnerungen dürfen nicht mit den Zeitzeugen sterben. Wir Jungen müssen darüber sprechen, uns informieren und laut bleiben, so wie auch Albrecht Weinberg appelliert.
Ein Rückblick von Christin, Redaktionsteam 11
Beitragsbild: Christin
Wollt ihr mehr wissen über Albrecht Weinberg? Dann lest das aktuelle und hochspannende Buch von Nicholas Büchse über ihn („Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm“, Penguin Verlag 2024).


















