Europa, wir sind keine Hausaufgabe

Liebes (?) Europa,

du stehst vorne an der Tafel wie ein Lehrer, der immer zu wissen glaubt, was das Beste für seine Klasse ist. Du sprichst in Fachbegriffen, die nicht alle verstehen, und legst uns Aufgaben vor, ohne zu wissen, ob wir überhaupt mitgekommen sind. Du teilst die Klassenarbeit aus, ohne sicherzugehen, dass überhaupt alle den Stoff verstanden haben. Und wir sitzen da, hören zu, schreiben mit aber oft wissen wir gar nicht, worum es eigentlich geht.

Dein Lehrplan ist voll von großen Themen: Klimaschutz, Digitalisierung, Frieden. Aber während du redest, schweifen viele unserer Blicke nach draußen, weil wir das Gefühl haben, du sprichst an uns vorbei. Du erklärst, wie die Zukunft aussehen soll, doch selten fragst du, wie wir sie uns vorstellen. Manchmal stellst du Fragen, auf die du selbst schon die Antwort kennst.

Wenn man dich dann fragt, was du uns bieten kannst, fallen Begriffe wie Erasmus+, DiscoverEU oder EU Aid Volunteers. Doch wir wollen mehr als Zugtickets und Austauschprogramme. Wir wünschen uns ein Europa, das unsere Sorgen ernst nimmt, unsere Zukunft sichert und uns Mitspracherecht gibt, nicht nur ein Europa zum Wegfahren, sondern ein Europa, in dem man bleiben will, weil man dort gestalten kann und Perspektiven hat. Vielleicht machst du Politik und Unterricht über uns, aber nicht für uns vor allem nicht mit uns. Wir wünschen uns Räume zum Mitgestalten, nicht nur zum Wegfahren.

Wir möchten direkte Mitsprache bei Zukunftsthemen: digitale Plattformen, auf denen unsere Stimme zählt. Nicht nur symbolisch, sondern politisch relevant. Du solltest in klarer Sprache mit uns reden, Europa. Ohne Fachbegriffe und Floskeln, die keiner versteht. Wieso kann Politik nicht auch digitalisiert und modern stattfinden? Wir wollen echte Dialogangebote und Mitgestaltungsrechte, nicht nur eine Stimme ab 16. Denn wofür entscheiden wir wirklich mit? Für eine Zukunft, über die du dir momentan scheinbar wenig Gedanken machst?

Du trägst ein Kostüm aus Gesetzen, sprichst viele Sprachen – aber hörst oft nur auf dich selbst. Du sprichst von Werten, Gerechtigkeit und Zukunft, doch verstehst nicht immer, was wir meinen, wenn wir „Klimakrise“, „Digitalisierung“ oder „Wohnungsnot“ sagen, stattdessen diskutierst du lieber über Veggie-„Burger“. Deine Bewegungen sind langsam, deine Entscheidungen vorsichtig. Dabei bist du umgeben von Schülern, die rufen wollen, nicht flüstern. Du lächelst müde, wenn wir wählen dürfen, aber schaust schnell wieder weg, wenn wir mehr fordern als ein Kreuz auf dem Papier.

Europa, du bist wie ein Ozean: grenzenlos in deinen Versprechen, aber träge in deiner Bewegung.Und wir – die jungen Menschen, die Zukunft – sind kleine Boote auf der Suche nach Orientierung, während die Strömungen der Bürokratie uns mitziehen, ohne zu fragen, wohin wir eigentlich wollen. Zurück lässt du uns – die junge Generation, die wahlberechtigt ist. Aber was ist meine Stimme wert, wenn nicht für mich Politik gemacht wird? Wenn über mich hinweg auf die „älteren“, „Erwachsenen“ geschaut wird Während ihre Stimme Kreise schlägt, geht meine unter – wie ein Stein bei einem schlechten Wurf aufs Wasser.

Die Reaktion vieler Jugendlicher ist klar: Es muss sich etwas verändern. Wieso wunderst du dich, Europa, wenn sich immer mehr junge Menschen von den traditionellen Parteien abwenden? Sie fühlen sich dort oft nicht vertreten, suchen nach klaren Worten, nach jemandem, der ihnen zuhört. Manche finden dieses Gefühl bei neuen oder radikalen Bewegungen – auch wenn deren Antworten gefährlich einfach sind. Und du, Europa? Die Parteien der Mitte, die dich tragen, bleiben oft still. Ihr sprecht über uns, aber selten mit uns. Während ihr in euren Debatten feststeckt, besetzen andere das Feld – mit einfachen Worten und lauten Botschaften. Warum siehst du nicht, dass genau dieses Schweigen unsere Demokratie gefährdet? Wenn die Jugend sich von der Mitte abwendet, verliert die Demokratie selbst ihren Halt. Denn die einzige Alternative darf niemals extrem sein.

Und deshalb schreiben wir dir heute einen Brief – einen Brief, um vielleicht endlich eine Stimme zu haben. Nicht nur auf dem Papier, sondern im wahren Leben. Wir sind keine Schüler mehr, die nur zuhören sollen – wir wollen Teil des Unterrichts sein. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du nicht länger nur Lehrer bist, sondern auch lernst. Von deiner eigenen Klasse. Von uns, der jungen Generation, der Zukunft.

Europa, wir sind keine Hausaufgabe, an die du einfach einen Haken setzen kannst – wir sind die Zukunft, deine Zukunft.

In Erwartung deiner Antwort,

Die nächste Generation

Wir wissen das Privileg zu schätzen, in einer Welt zu leben, in der es Vereinigungen wie die EU gibt. Wir wissen, wie viele Vorteile sich dadurch bieten. Dieses Konzept im Allgemeinen wollen wir auf keinen Fall kritisieren – denn auch wir wissen: Ohne die EU wird unser Leben nicht so funktionieren, wie es gerade ist. Und doch wünschen wir uns Veränderungen – Veränderungen für unsere Zukunft. Wenn der durchschnittliche Präsident der EU ungefähr 60 Jahre und der Abgeordnete 50 Jahre alt ist – wie können dann ausgerechnet sie über eine Zukunft sprechen, die sie selbst nicht mehr betrifft?

In unserem Kommentar stellen wir Europa als Person dar — eine Lehrerfigur, die scheint allwissend zu sein und doch so kompliziert und distanziert ist, dass sie ihren Bezug zu ihrer Klasse, der jungen Generation, verliert. Europa erklärt, statt zuzuhören und redet über Zukunftsthemen ohne die junge Generation einzubeziehen. Die Darstellung zeigt also ein Europa, das zwar wichtig und gebildet ist, aber den Kontakt zu den Menschen verliert, für die es eigentlich da sein sollte.

Paulina Kröger & Jule Krüger

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