Students on tour – Frederik berichtet aus Portugal (Teil 2)

von Frederik Ole Michaelis, Jg. 11

Kulturelle Unterschiede

Auch wenn ich „nur“ nach Portugal gegangen bin, gibt es doch einige kulturelle Unterschiede, die einem als Deutschen auffallen. Der Umgang in der Schule zwischen Lehrern und Schülern ist schon anders.
An meiner Schule in Deutschland werden ab dem 9. Jahrgang iPads als primäres Arbeitsgerät eingeführt.
Das klingt erstmal ganz gut und innovativ, aber wenn man beachtet, wie sehr das Miteinander dadurch einschläft, denkt man doch noch einmal genauer darüber nach.

In Portugal schreibt man auf Papier und die Beteiligung im Unterricht erfolgt meistens ohne Melden. So entsteht sehr oft ein diskussionsartiges Klassengespräch, das den Unterricht besser voranbringt. Auch mit Witzen oder nicht ernst gemeinten Kommentaren gehen die Lehrer völlig entspannt um und lachen meistens einfach selbst darüber. Die Lehrer werden hier auch nicht mit Nachnamen angesprochen, sondern mit „Professor/a“ (Lehrer:in auf Deutsch). Die Art der Lehrer und das Temperament der Portugiesen gefallen mir besser als das der Deutschen. Diese Meinung ist natürlich individuell und das Geschehen kann von jeder Person anders aufgefasst werden.

Da das portugiesische Schulsystem schon in der 12. Klasse endet, ist die 11. Klasse, in der ich mich befinde, schon Teil der Abschlussphase. Ich befinde mich im wissenschaftlichen Zweig, in dem der Schwerpunkt auf Biologie, Physik und Mathematik liegt. Wenn man die Stundenanzahl mit der 12. Klasse in Deutschland vergleicht, kommt das ungefähr auf das gleiche heraus. Ich habe an drei Tagen Nachmittagsunterricht: einmal bis 18:30 Uhr und zweimal bis 16:45 Uhr. Das klingt erstmal sehr lang, aber man hat zwischendrin eine zwei Stunden lange Mittagspause. Am Donnerstag haben wir sechs Stunden Laborarbeit bis 18:30 Uhr. In anderen Zweigen der Oberstufe kann man allerdings noch viel mehr Stunden bekommen.

Freunde zu finden, ist, wie in Deutschland, sehr individuell. Wenn man zu einer Gruppe oder zu Personen passt und sich um Kontakt bemüht, ist es nicht schwer, gute Kontakte aufzubauen. Die Portugiesen sind im Allgemeinen offener und sie gehen schnell auf neue Personen zu und nehmen diese einfach durch den Schulalltag mit, was mir zu Beginn sehr geholfen hat. Natürlich dauert es seine Zeit, bis man wirklich mit Personen befreundet ist oder regelmäßig eingeladen wird. Dabei spielt bei mir die Sprache eine sehr große Rolle. Es ist viel einfacher, sich in das Gruppengespräch einzufügen, wenn man die Sprache spricht. Auch wenn das nach vier Monaten Unterricht nur zum Teil der Fall ist, geben sich die Portugiesen Mühe, mich zu verstehen, helfen mir und haben viel Geduld. Ähnlich wie in Amerika gibt es auch in Portugal zahlreiche Sportaktivitäten, die in der Schule freiwillig belegt werden können. Ich mache zum Beispiel im Leistungsschwimmen mit und bin auch schon gegen andere Schulen angetreten.

Lernen

Da Portugal ein sehr bürokratisches Land ist, gab es am Anfang viel herauszufinden. Die Metrokarte, meine Schüler-ID, eine sogenannte NIF-Nummer (Steuernummer, die man überall angeben muss, aber als Austauschschüler nicht bekommt), bereiteten erstmal Kopfzerbrechen. Es war sehr anstrengend. Meine Gastmutter half mir natürlich viel, aber trotzdem lernte ich, mich selbständig um Dinge zu kümmern, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Das steigerte auch mein Selbstvertrauen, was so weit weg von zu Hause sehr nützlich ist. Eine Eigenschaft, die ich gerne mit nach Deutschland nehmen würde, ist die Offenheit und Gelassenheit der Portugiesen. Unter meinen Mitschülern gab es viel Interesse an mir als neuem Schüler, viele Fragen, aber immer mit Respekt. Auch auf Familienfeiern oder unter Freunden meiner Gastfamilie habe ich mich schnell wohlgefühlt, weil man miteinbezogen wird, selbst wenn man nicht perfekt die Sprache spricht. Diese offene Einstellung gegenüber jedem würde ich sehr gerne beibehalten, da sich andere einfach viel schneller respektiert und wertgeschätzt fühlen.

Die größte Herausforderung, die ich bisher erlebt habe, war vielleicht den Mut zu finden, Portugiesisch zu sprechen. Einfach die Wörter und Sätze zu benutzen, die man schon kennt, selbst wenn man sich nicht sicher ist. Sobald man sich das traut, läuft auch das soziale Leben besser. Man fühlt sich wohler und auch die Freundschaften werden intensiver. Wenn man aber in der Gastfamilie schon früh genug damit anfängt, geht es unter Freunden oder Fremden viel leichter.

Eine weitere Erfahrung ist, wie viel sich verändert, wenn die soziale Umgebung von zu Hause plötzlich wegfällt. Natürlich einmal die Familie. Zu Hause sind Aufgaben und Regeln klar und man weiß genau, was man sich leisten kann. In der neuen Familie muss man sich erst Vertrauen erarbeiten und vor allem mit dem Gastbruder klären, wer was machen muss. Gar nicht so einfach, wenn dieser nichts helfen will und man ihm sozusagen in den Rücken fällt, weil man seine Aufgaben erledigt. Aber ich kann meine Gastmutter sehr gut unterstützen – ich helfe in der Küche, koche viel und backe (deutsches) Brot. Das ist eine gute Möglichkeit, etwas zurückzugeben und sich auszutauschen!

Und dann in der Schule. Zu Hause kennen mich meine Mitschüler und Lehrer als engagierten Schüler. Ich werde angesprochen, wenn es Projekte gibt, unterstütze und bringe mich ein. Hier bin ich vielleicht der interessante Deutsche, aber ich fühle mich eigentlich auch ein bisschen dumm. Ich verstehe kaum etwas, in manchen Fächern, wie zum Beispiel Mathematik, komme ich gar nicht mit, da der Stoff ganz anders ist und ich einfach nichts verstehe. Da kann man nicht so viel einbringen. Theoretisch brauche ich mich nicht einzubringen, da meine Noten sowieso nicht zählen, allerdings ist es viel angenehmer, wenn man nicht immer nutzlos herumsteht, und dann denken die Lehrer auch, dass man wirklich hier sein will und nicht einfach seine Zeit absitzt und vor sich hinträumt. Am Anfang war das alles schwieriger, aber jetzt im 6. Monat habe ich mich schon in ein paar Projekten beteiligt und auch im Unterricht geht es jetzt ein wenig voran. Zum Beispiel habe ich am Anfang einen kleinen Beitrag im Rahmen eines Workshops geleistet. Ich veranstaltete einen Workshop, in dem ich Deutschland, die deutsche Kultur und Sprache vorstellte. Dabei sollte der Fokus auf der Sprache liegen, und in den 45 Minuten konnten die Teilnehmer einen groben Dialog zusammenbauen und mit meiner Hilfe auch vortragen.

Alles in allem habe ich viel gelernt, viel erlebt und kann meine Zeit hier in Portugal sehr gut genießen. Ich freue mich auf meine weitere Zeit in Portugal.

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