TIME TO SAY GOODBYE – das Abschiedsinterview mit Herrn Hellmann
Als einer von vier Lehrern wird Herr Hellmann nach vielen Jahren des Lehrerdaseins im Sommer die Eichenschule in den Ruhestand verabschiedet. Wir haben ihn dafür ein letztes Mal interviewt und dabei nochmal viel Neues über ihn erfahren.
ES-Magazin: Herr Hellmann, wie lange sind Sie schon Lehrer?
Herr Hellmann: Jetzt im Sommer genau 38 Jahre. Ich habe 1988 mit meinem Referendariat angefangen.
ES-Magazin: Haben Sie ihr Referendariat auch hier an der Schule gemacht?
Herr Hellmann: Nein, das habe ich in Hessen gemacht, in Marburg, weil ich da studiert habe und dann auch für mein Referendariat da gelandet bin.
ES-Magazin: Wie viele Jahre ihrer Lehrerzeit haben Sie an der Eichenschule unterrichtet und wie sind Sie aus Hessen hierher gekommen?
Herr Hellmann: Ich bin 1990, direkt nach meinem Referendariat hierher gekommen, das sind also insgesamt 36 Jahre an der Eichenschule. Damals war es so, dass in Hessen wo ich studiert habe, und auch in Nordrhein-Westfalen, wo ich ursprünglich herkomme, keine Lehrer eingestellt worden sind. Das waren damals die Boomer-Jahre, dann war man als Lehrer sozusagen übrig, da entweder zu viele Lehrer ausgebildet wurden oder allgemein von den Schulen zu wenige gebraucht wurden. So kam es, dass man sich als neuer Lehrer in Deutschland ein Bundesland suchen musste, in dem das eigene Referendariat, also das zweite Examen, anerkannt wurde. Und das war bei mir unter anderem in Niedersachsen der Fall. Ich habe dann verschiedene Privatschulen angeschrieben, mich auf eine Lehrstelle beworben und bin dann als einer von vielen Bewerbern schließlich hier an der Eichenschule angenommen worden.
ES-Magazin: Und warum wollten Sie ursprünglich Lehrer werden?
Herr Hellmann: Eigentlich war ich von klein auf immer schon Lehrer. Das fing damit an, dass ich in der Grundschule an den ersten drei Tagen Schulverweigerer war. Wir haben damals nur 200 m von der Schule entfernt gelebt, sodass ich zu Fuß zur Schule gegangen bin. Und wenn dann die erste Doppelstunde rum war, hatte ich keine Lust mehr, bin ich einfach immer in der Pause nach Hause gegangen. Ich kann mich genau erinnern, am Donnerstag war die Einschulung und Donnerstag und Freitag waren die Tage, an denen ich in der Pause nach Hause gegangen bin. Zuhause gab es natürlich tierischen Ärger, abends kam mein Vater von der Arbeit und dann habe ich natürlich einen ordentlichen Einlauf bekommen. Am Samstagmorgen hat er zu mir gesagt: „So, heute gehe ich mit dir mit, und wehe du kommst zu früh nach Hause“. Wir hatten damals noch die Samstagsschule und mein Vater ist an dem Morgen wirklich mit zur Schule gekommen und hat mit meiner Lehrerin gesprochen.
Ab dem Zeitpunkt bin ich dann auch regelmäßig zur Schule gegangen. So und warum ich schlussendlich Lehrer geworden bin, das weiß ich gar nicht so genau, aber was ich sicher sagen kann ist, dass ich immer schon Lehrer war. Immer wenn wir in der Grundschulen im Freundeskreis “Schule“ gespielt haben, hatte ich die Rolle des Lehrers. Wir hatten bei uns im Keller eine Tafel stehen und haben da oft mit ein paar Jungs und Mädchen gespielt. Irgendwann habe ich mir gedacht: „Okay, dann bin ich später auch mal der Lehrer“. So ist das immer weitergegangen.
ES-Magazin: Sie haben ja schon über ihren ersten Schultag als Schüler gesprochen, aber wie war später Ihr erster Schultag als Lehrer?
Herr Hellmann: Auch daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Mein erster Tag war während eines Praktikums in meiner Studienzeit. Wir zu zweit in einem Lehrerteam, ich habe also mit einer Mitstudentin meine erste Stunde gehabt. Zusammen haben wir eine Doppelstunde Religionsunterricht im 12. Jahrgang vorbereitet, in der es um das Thema Ethik ging. Für diese Doppelstunde hatten wir eine Woche lang zum Einlesen in die Thematik Zeit. Die Schüler haben wir vorher schon kennengelernt, während wir bei anderen Lehrern im Unterricht hospitiert haben. Aus heutiger Perspektive ist es fast schon lächerlich eine Woche Vorbereitung für eine einzelne Doppelstunde zu haben. Heute geht das so natürlich nicht mehr, aber damals war das so etabliert. Vor der eigentlichen erste Stunde war ich dann tierisch aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie die Schüler mich aufnehmen.
ES-Magazin: War Lehrer zu werden immer ihr Traumberuf, oder wollten Sie mal etwas anderes machen?
Herr Hellmann: In der Grundschulzeit war es mein Traumberuf Lehrer zu werden, während des Gymnasiums hat sich das ein bisschen geändert, denn da wollte ich eigentlich gerne immer Maschinenbau studieren um Maschinenbauingenieur im Bereich der Kraftfahrzeugtechnik zu werden. Das war damals mein großes Ziel. Das Problem war aber, dass wir damals so gut wie keinen Physikunterricht hatten. Im Gymnasium hatte ich, auf Grund des Lehrermangel zu meiner Schulzeit, insgesamt nur zwei Jahre Physik. Neben Physik hatten wir auch keinen vernünftigen Mathematikunterricht. Ich habe das Fach nach der zwölften Klasse dann eh abgewählt und das war für mich auch gut so, denn ohne Mathe habe ich ein gutes Abitur hinbekommen. Mein eigentliches Ziel war es also Maschinenbau zu studieren. Ich habe mich nach meinem Abschluss bei der Studienberatung gemeldet, aber die haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: „Mit dem Mathematik-Kenntnissen Maschinenbau studieren, das lassen Sie mal lieber.“ Und ja, so bin ich dann über ein paar Umwege doch Lehrer geworden.
ES-Magazin: Sie unterrichten ja bei uns die Fächer Deutsch und Religion. Wie sind Sie auf die beiden Fächer gekommen und haben sie von den Fächern eines, das Sie lieber unterrichtet haben?
Herr Hellmann: Religion, für mich war es immer klar, dass ich in irgendeiner Form Religionslehrer werde. Zum einen aus ganz pragmatischen Gründen, da Religionslehrer immer gesucht wurden und die Chancen dadurch größer waren eine Stelle zu kriegen, ähnlich wie in den Naturwissenschaften, aber die waren ja bekanntlich nicht meine Stärke. (lacht) Außerdem war ich im christlichen Bereich sozialisiert. Ich habe schon früh Jugendarbeit gemacht, damals im CVM, dem Christlichen Verein junger Menschen. Nebenbei habe ich als Teamer in der Kirche mitgearbeitet und als dann klar war, dass ich Lehrer werde, wollte ich auf jeden Fall das Fach Religion als Unterrichtsfach haben. Ich erachte es für sehr wichtig, eine andere Form des Unterrichts machen zu können, eine, bei der man nicht so unter Druck zu steht. Und auch die Wertvorstellungen und Überzeugungen verbinden mich mit Religion als Fach. Das Thema Religion war dann sozusagen mein Herzblut, dass ich den Schülern vermitteln wollte.
Bei Deutsch war es für längere Zeit nicht ganz klar, ob es mein Unterrichtsfach wird. Eigentlich wollte ich eher Biologie unterrichten, da ich es als Fach schon immer interessant fand und meine P4-Grundkurs-Prüfung in Bio gemacht habe. An der Uni, wo ich studieren musste, weil die Heimat nah war und meine Eltern mir kein Studium an einer entfernten Universität finanzieren konnten, konnte ich Biologie aber nicht auf Sekundarstufe II studieren, da konnte ich meinen Lehrerabschluss nur für Haupt- und Realschule machen. Für die Gymnasialstufe ging das da nicht. Deswegen musste ich von Bio auf Deutsch wechseln, was für mich aber auch nicht weiter schlimm war. Ich hatte in der Oberstufe einen tollen Deutschlehrer und das war dann ausschlaggebend dafür, dass ich das Fach lieb gewonnen habe. Ich war also auch immer gerne Deutschlehrer.
ES-Magazin: Und haben Sie neben Biologie noch ein anderes Fach, das Sie gerne unterrichtet hätten?
Herr Hellmann: Ja genau, Bio hätte ich gerne unterrichtet, aber ohne ein Studium würde ich mir das natürlich nicht zutrauen. Aber interessieren tut mich Biologie auf jeden Fall, ich habe früher zum Beispiel über einen langen Zeitraum immer regelmäßig das “Spektrum der Wissenschaft“ gelesen, das ist ein Magazin, in dem immer die neuesten biologischen Erkenntnisse veröffentlicht wurden. Ich erinnere mich noch sehr gut an Entdeckungen wie die Vererbungslehre, also die Entwicklung der Gene und deren Bestimmung, die mich total interessiert haben und von denen ich in diesem Magazin gelesen habe.
Auch heute gibt es noch andere Fächer, die mich interessieren. Ich habe zum Beispiel für lange Zeit Lateinnachhilfe gegeben, weil ich Latein in der Schule bis zur 13. Klasse belegt habe und es als Fach immer gerne mochte. Latein ist so schön sortiert und pragmatisch und die Grammatik ist ziemlich leicht zu lernen. Das zu unterrichten würde ich mir heute auch noch zutrauen, zwar nur für Anfänger und nicht in der Oberstufe, aber in jüngeren Jahrgängen könnte ich unterrichten. Und auch Englisch und Erdkunde, letzteres hatte ich als Leistungskurs, würde ich mir in der Unterstufe zutrauen.
ES-Magazin: Sie haben lange an der Eichenschule gearbeitet. Was hat sie dazu bewegt, hier so lange zu bleiben und was gefällt Ihnen an der Schule?
Herr Hellmann: Zuerst einmal gefallen mir die Menschen hier ganz besonders. Das sind natürlich in erster Linie die Schülerinnen und Schüler. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass die meisten Kinder hier aus behüteten und eher bildungsnahen Elternhäusern kommen, in denen die Eltern daran interessiert sind, dass ihre Kinder ein gutes Abitur machen. Ich mag es, dass hier alle an einem Strang ziehen und das selbe Ziel verfolgen, weil ich auch Erfahrungen von anderen Lehrern an anderen Schulen kenne, an denen das nicht so läuft.
Ich mag es also sehr mit euch zu arbeiten. Ihr macht mir das Leben ziemlich leicht. So konnte ich 38 Jahre Lehrer sein, ohne dass ich bleibende Schäden davon getragen habe. (lacht) Wenn die Schülerinnen und Schüler auf der einen Seite stehen, dann steht auf der anderen Seite definitiv das Kollegium. Die Mitarbeiter, mit denen ich hier, zusammenarbeiten darf, sind mittlerweile teils meine ehemaligen Schülerinnen oder Schüler, mit denen ich so auf eine ganz andere Weise nochmal arbeiten kann. Ich schätze das familiäre Arbeiten und die Menschlichkeit hier. Und was ich vor allem mag ist, wie die Schule während all der Jahre gewachsen ist. Der Oberstufenraum war als ich angefangen habe zum Beispiel noch die Turnhalle, jetzt können wir für den Sportunterricht unsere neue Halle nutzen und die Oberstufe hat im Oberstufenraum ihren eigenen Aufenthaltsbereich. Der Solitär wurde gebaut und wir haben einen Theatersaal. Für Lehrer, die ihre Fächer im Theaterbereich oder musikalischen Bereich umsetzen, sind das traumhafte Bedingungen. Die findest du an vielen staatlichen Schulen nicht.
ES-Magazin: In ihrer langen Zeit an der Eichenschule waren Sie nicht nur Lehrer, Sie haben in Kooperation mit anderen Lehrern ebenfalls das Schulsanitäterteam zusammen geleitet. Wie sind Sie dazu gekommen?
Herr Hellmann: Das hat viel damit zu tun, dass ich früher, nach meiner Schulzeit entweder 18 Monate bei der Bundeswehr Wehrdienst, oder 21 Monate einen anderen Zivildienst leisten musste. Für mich war klar, dass ich auf Grund meiner christlichen Überzeugung keinen Militärdienst machen kann. Also ich habe den Dienst an der Waffe aus religiösen Gründen verweigert. Ich musste das richtig verschriftlichen, bei einer Kommission einreichen und wurde dann in einer Gewissensprüfung darauf getestet, ob ich tatsächlich nicht dazu geeignet bin, eine Waffe zu tragen. Als ich diese dann nach mehreren Anläufen bestanden hatte, war für mich klar, dass ich Zivildienst machen darf.
Ich hatte dann sehr schnell eine Stelle als Rettungssanitäter beim Roten Kreuz, an die ich damals über einen Freund rangekommen bin, der seine Ausbildung dort schon gemacht hat. Ich dachte erst, dass das überhaupt nicht das Richtige für mich ist, da ich kein Blut sehen kann, aber mein Freund meinte dann, dass er genau deshalb Sanitäter geworden sei. Er müsse so kaum Blut sehen, aber trotzdem immer ein bisschen sodass er sich langsam an Blut gewöhnen könne. Ich hab mir dann gedacht: „Das will ich lernen!“, sozusagen als Konfrontationstherapie. Und so habe ich die Ausbildung gemacht und bin dann im Rettungsdienst gelandet. Das war rückblickend eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben. Man ist direkt mit Leben und Tod konfrontiert, mit Menschen, die überleben und aber auch mit sterbenden Menschen, die man leider nicht mehr retten kann. Ich durfte sogar eine Zeit lang ehrenamtlich als Flugsanitäter in dem uns nahe gelegenen Krankenhaus arbeiten. Die haben damals ganz neu vom ADAC einen Rettungshubschrauber gestellt bekommen und dann konnte ich den einen oder anderen Einsatz mit dem Hubschrauber machen. Heute muss man dafür extra eine Ausbildung machen, bei mir hat damals einfach die Grundausbildung für fast alles gereicht.
Dann hieß immer es „Mach mal, setz dich in den Rettungswagen fahr los.“ Ich weiß noch, dass ich am Anfang echt Angst hatte und total aufgeregt war. Bei meinem allerersten Einsatz auf der Autobahn saß ich am Steuer und musste fahren, mein Fuß hat aber so gezittert, dass ich das gar nicht richtig konnte. Der Notarzt hat dann zu mir gesagt: „Ich merke schon, was mit dir los ist, das ist dein erster Einsatz. Pass mal auf, halte die Person einfach nur an den Armen fest, mehr musst du gar nicht machen“. Die anderen Sanitäter und Ärzte hatten glücklicherweise total viel Verständnis für mich. Und als ich dann hier her gekommen bin, wusste die Schulleitung, dass ich Rettungsdienst gemacht habe, und der Sanitätsdienst war damals gerade im Aufbau, sodass ich den dann hier direkt mit übernehmen konnte. Zeitweise hatte ich mit einem Freund zusammen auch noch die Lizenz dafür, selber Erste Hilfe Kurse zu leiten. So konnten wir am Anfang auch noch die Ausbildung für Schüler anbieten. Aber da man die Lizenz alle zwei Jahre aktualisieren muss, ist das dann eingeschlafen. Aber genau, so bin ich dazu gekommen, dass ich Schulsanitäter geworden bin.
ES-Magazin: Haben Sie in Zusammenhang mit derm Eichenschule einen besonderen Moment oder eine spezielle Erinnerung, die Sie nie vergessen werden?
Herr Hellmann: Klar, natürlich habe ich solche magischen Momente, in denen man mit Schülerinnen und Schüler andere Erlebnisse, abseits des Unterrichts hat, und davon erzähle ich auch gerne. Das sind zum Beispiel Klassenfahrten oder Studienfahrten. Besonders präsent erinnere ich mich an einen Ausflug zusammen mit Frau Rosenhagen, den wir kurz nach der Coronazeit mit einer fünften oder sechsten Klasse gemacht haben. Wir sind nach Cuxhaven gefahren und die Kinder haben einfach im Watt gespielt und waren so gut drauf, weil sie wieder zusammen Zeit verbringen durften. Eigentlich hatten wir uns ein volles Programm überlegt, auf das hatten die Schülerinnen und Schüler aber überhaupt keine Lust, da sie viel lieber zusammen toben und im Meer baden wollten. Und als wir dann zurück gefahren sind, haben Frau Rosenhagen und ich beschlossen, in Rotenburg spontan auszusteigen und Eis zu essen. Wir sind dann da durch die Fußgängerzone gegangen mit unserer Gruppe, und plötzlich standen Leute um uns herum und haben geklatscht, weil sie sich so gefreut haben, nach dem langen Lockdown wieder Kinder zu sehen. Da sind mir fast dieTränen gekommen, so sehr habe ich mich gefreut. Das war ein magischer Moment, in dem ich gedacht habe, wie toll, dass du hier dabei sein kannst.
Ein zweiter hängt mit den Studienfahrten, die ich begleitet habe, zusammen. Wir sind unter anderem nach Barcelona geflogen und waren gleich zweimal in Istanbul. Das war alles vor Corona, danach kamen solche Reisen leider mehr nicht zustande, da auch die politischen Verhältnisse jetzt teilweise so sind, dass man bestimmte Reisen nicht mehr machen kann, außerdem gibt es hier an der Eichenschule ja keine Flugreisen mehr. Einmal sind wir – also Herr Stermann und ich – zusammen mit einem zwölfer Kurs, in der südlichen Türkei gewesen. Einen Tag wollten wir dann einen alten römischen Tempel besuchen, der ziemlich einsam auf einem Berg lag. Das war eine Reise im September, sodass es ziemlich heiß war. Wir haben uns Mountainbikes gemietet, da das bei dem heißen Wetter viel schneller ging als zu Fuß zu gehen, und haben uns dann mit den Schülern den Berg hochgequält. Auf der Hinfahrt sind wir schon an einem Restaurant mit einem kleinen Hotel vorbeigekommen, haben aber gesagt, dass wir erstmal weiterfahren. Herr Stermann und ich haben dann trotzdem kurz angehalten und dort gefragt, ob es möglich wäre mit einer Schülergruppe später kurz Halt zu machen und was zu essen. Da hat der Wirt gesagt, klar, wir können Döner kriegen oder aber auch eine türkische Pizza. Die war spottbillig und nicht teurer als drei Euro. Unseren Schülern haben wir erstmal nichts davon erzählt.
Als wir dann oben auf dem Berg waren, wollten die alle nur noch nach Hause, es war heiß, wir waren müde, aber als wir dann auf dem Rückweg waren, konnten Herr Sterrmann und ich sagen: „So, hier machen wir jetzt noch Pause.“ Dann war da auch der Chef von dem Restaurant und er hat zu uns gesagt, wenn ihr bei mir esst und dann noch Lust und Zeit habt, könnt ihr auch noch schwimmen gehen. Im Innenhof von dem Hotel war ein super Pool, total leer, ohne irgendwelche Menschen, von dem man einen Blick über das ganze Gebirge hatte. Tja, und da war der Tag gelaufen. Wir haben erst mal schön gegessen und haben dann noch am Pool gelegen, bevor es wieder Bergab ging. Das war auch so ein magischer Moment, in dem ich das Gefühl hatte, totaler Gastfreundschaft zu begegnen.
ES-Magazin: Haben Sie nach ihrer langen Zeit als Lehrer jetzt Pläne für ihren Ruhestand?
Herr Hellmann: Ja klar, natürlich habe ich Pläne für meinen Ruhestand. Zum einen, was macht jeder Lehrer als erstes, wenn er in Rente gegangen ist? Richtig, er reist und zwar außerhalb der Ferienzeiten. (lacht) Meine Frau und ich waren in jungen Jahren als Studenten eine Zeit lang auf Korsika unterwegs und meine Frau hat gerade wieder ihre Französischkenntnisse in der Volkshochschule aufgepeppt, deshalb haben wir gesagt, dass wir mal zurück in unsere Vergangenheit wollen. Deshalb fahren wir im September für drei Wochen nach Korsika und machen da eine Rundreise um uns alle die tollen Ecken, anzuschauen, die wir vor 40 Jahren bereits besucht haben. Das ist der eine Punkt, ich habe aber natürlich noch viele andere Sachen vor.
Ich bin bei uns im Sportverein immer noch als Kassenwart im Vorstand tätig, das kann ich jetzt ein bisschen ausbauen, genauso wie bei ein paar anderen Gruppen und Vereinen, wo freiwillige Leute immer gerne gesehen sind. Dann habe ich noch eine große Leidenschaft, zu der ich in letzter Zeit viel zu wenig gekommen bin: die ist das Segeln. Mein großer Traum ist es, mir in der nächsten Zeit ein eigenes kleines Segelboot leisten zu können, auf dem ich abends auch im Hafen liegen kann. Dabei ein Glas Rotwein trinken und mir denken, „Ja, eigentlich hast du gar nicht so viel falsch gemacht in deinem Leben“. Das ist so mein Ziel (lächelt). Außerdem haben wir noch ein paar alte Trecker zuhause, da mein Sohn, immer gerne an Treckern rumschraubt. Der hat zu mir schon gesagt, „Papa, wenn du jetzt Rentner bist, musst du mir dabei helfen, einen Trecker zu restaurieren und zu reparieren.“ Das ist auch noch ein bisschen Arbeit, aber natürlich was ganz anderes als Schule.
ES-Magazin: Was würden Sie sagen, haben Sie selber von Ihren Schülern gelernt?
Herr Hellmann: Ich glaube, dass mich meine Schüler gewissermaßen mit erzogen haben. Schüler sind ein Spiegel von einem selbst, denn die Laune, die man in eine Klasse reingibt, bekommt man von den Schülern auch wieder zurück. Wenn ich zum Beispiel unmotiviert in eine Klasse gehe und überhaupt keine Lust auf den Tag habe, dann hat die Klasse selber auch eher schlechte Laune oder ist unaufmerksam. Ich habe immer Wert darauf gelegt, dass ich meine schlechte Laune zu Hause lasse, mich so zu kleiden, dass ich keine Flecken auf meiner Kleidung habe und einigermaßen vernünftig frisiert bin. Wenn man dann auch noch interaktiven Unterricht macht, ermutigt das die Schülerinnen und Schüler einem zu folgen. Motiviert aufzutreten, auch dann, wenn ich nicht unbedingt die Stimmung dazu hatte, ist für mich immer wichtig gewesen, und das habe ich von euch auch gelernt.
ES-Magazin: Welche berühmte Person, würden Sie gerne einmal treffen und warum?
Herr Hellmann: Ich habe ja schon gesagt, dass ich leidenschaftlich gerne segle und es gibt einen deutschen erfolgreichen Profisegler, und das ist Boris Herrmann. Er hat mit seinem Boot, der Malizia, an der härtesten Segelregatta der Welt, der Vendee Globe, bei der man in ungefähr 80 Tagen ganz alleine um die Welt segelt, teilgenommen. Ihn zu treffen und vielleicht einen Tag zusammen mit ihm auf den Atlantik vor der Bretagne rauszusegeln ist mein großer Traum. Ich würde ihm dann bestimmt tausend Fragen stellen und mit ihm über das Segeln fachsimpeln.
ES-Magazin: Was werden Sie hier an der Schule oder allgemein am Lehrerjob vermissen?
Herr Hellmann: Auf jeden Fall natürlich euch, also meine Schülerinnen und Schüler. Viele Leute in meinem Alter sagen mir immer, wenn wir zum Beispiel Klassentreffen haben: „Du gehst schon in den Ruhestand, du bist doch noch viel zu jung“. Ich habe allgemein das Gefühl, dass ich jünger eingeschätzt werde, als ich bin. Ich glaube, das liegt am Umgang mit euch. Ich habe es ja vorhin schon erzählt: wenn man nicht nur mit alten Leuten zu tun hat, nicht nur mit irgendwelchen verknöcherten Ansichten konfrontiert wird, sondern im Gegensatz dazu immer neuen Ideen begegnet und auch mit einer ganz anderen Sprache (Jugendsprache) zu tun hat, bleibt man selber jünger. Das prägt uns natürlich auch als Lehrer, denn irgendwie muss man gezwungener Weise in der aktuellen Zeit bleiben um heraus zu finden, wie die Schülerinnen und Schüler ticken. Das hält einen selber jung. Ein bisschen habe habe ich so meine Befürchtung, dass ich nach meiner Pension in ein Loch falle, wenn ich weniger mit jungen Leuten zu tun habe. Das werde ich versuchen mit, wie gesagt, Vereinsarbeiten zu kompensieren, sodass ich trotzdem noch mit jungen Menschen zusammen arbeiten kann.
ES-Magazin: Wir haben jetzt noch eine letzte Frage zum Abschluss: Was möchten Sie uns Schülerinnen und Schülern, vielleicht auch Ihren Kolleginnen und Kollegen, die jetzt noch an der Schule bleiben gerne mitgeben?
Herr Hellmann: Ich finde so Lebensweisheiten immer ein bisschen langweilig, deshalb wäre mein „mitgeben“ glaube ich eher konkreter auf die Schule bezogen, dafür muss ich aber ein bisschen ausholen. Es gibt in Niedersachsen ein sogenanntes Dezernentenabitur. Alle paar Jahre kommt eine Person aus der Landesschulbehörde, die sogar ein direktes Mitspracherecht bei den Noten hat, an eine Schule und guckt sich an, wie dort das Abitur durchgeführt wird. Bei dem letzten Dezernentenabitur hat diese Aufsichtsperson in ihren Abschlussbericht geschrieben, er wäre beeindruckt von der Eichenschule und würde sie für einen Leuchtturm in der Schullandschaft Niedersachsens halten. Das stellt natürlich einen ganz besonderen Erfolg dar. Ich hoffe, dass alle, die jetzt in irgendeiner Form hier tätig sind, diese Schule gemeinsam weiterentwickeln. Damit wir weiterhin ein Erfolgsmodell haben können und damit wir als Privatschule so existieren können, denn das hängt immer sehr stark von der Zufriedenheit der Eltern und Schüler ab. Dass die Eichenschule sich weiterentwickelt, dass alle offen für Neues sind, wie zum Beispiel für das neue Bildungskonzept, was eventuell eingeführt werden soll. Weiterentwicklung im Schulsystem muss stattfinden, ob das jetzt in Form von genau diesem Konzept ist, müssen andere im nächsten Schuljahr entscheiden. Aber ohne Weiterentwicklung würden wir heute mit der Eichenschule nicht dort sein, wo wir sind. Ich drücke euch allen die Daumen, dass es so weitergehen kann, ihr immer auf dem modernen Standard seid.
Und zum Schluss möchte ich sagen: Wenn ihr mal Tage habt, an denen ihr nach Hause kommt und denkt: „Ach Mann, das war so ein gebrauchter Tag“, dann würde ich euch immer sagen: „Keine Panik. Es ist doch nur Schule.“ (lächelt)
ES-Magazin: Vielen Dank für das Interview!
Dieses Interview wurde von Feemke und Paulina aus dem 10. Jahrgang geführt.