Time to say goodbye: Das Mittwochsinterview mit Herrn Grenz-Gieseke
Herr Grenz-Gieseke ist seit langer Zeit bereits Lehrer. Doch auch darüber hinaus hat er an der Schule gewirkt, zum Beispiel seine jahrelange Öffentlichkeitsarbeit. Darüber, aber auch über Persönliches, hat er mit Cäcilia und Charlotte aus dem zehnten Jahrgang gesprochen.
ES-Magazin: Wie lange sind Sie bereits Lehrer?
Herr Grenz-Gieseke: Ich habe in den 80er-Jahren studiert und erst als Sozialarbeiter bei der Stadt Ahrensburg gearbeitet und in Hamburg gelebt, da der Staat damals keine Lehrer einstellte, blieb mir der Weg in den Schuldienst zunächst verschlossen. Danach arbeitete ich bis 1991 in einem evangelischen Berufsbildungswerk. Dort holten junge, arbeitslose Erwachsene Hauptschulabschlüsse nach, was für mich ein Mixjob aus Sozialarbeit und Lehrer war.
Im Jahr 1991 habe ich mich auf eine Stelle hier in Scheeßel beworben. Sie suchten jemanden, der sowohl Lehrer ist, als auch pädagogische Erfahrung hat, um am Internat zu arbeiten. Als ich genommen wurde, betreute ich ein Jahr alleine das Haus E mit 20 Schülerinnen und Schülern und unterrichtete einige Stunden an der Schule. Meine Frau, meine drei Kinder und ich sind dann damals, als das Haus D frei wurde, in das Internat gezogen und haben dort sieben Jahre gelebt und gearbeitet. Später hat die Familie Janssen diese Stelle übernommen, ich blieb Internatsleiter und Lehrer.
Als die Zeit des Internats im Jahre 2003 dann vorbei war, ging ich als Lehrer mit voller Stelle an die Schule. Meine Funktionsstelle als Internatsleiter wurde in eine für die Öffentlichkeitsarbeit umgewandelt. Dann bot sich mir die Chance, mich hier als Studiendirektor zu bewerben und ich bekam die Stelle. Am Ende bin ich nun seit vielen Jahren Mitglied der Schulleitung und insgesamt 34 Jahre an der Eichenschule.
ES-Magazin: War Lehrer Ihr Traumberuf oder hatten Sie ursprünglich andere Pläne?
Herr Grenz-Gieseke: Als ich Schüler war, wollte ich nicht Lehrer werden. Die Entscheidung ergab sich erst, nachdem ich für 19 Monate meinen Ersatzdienst als Zivildienstleistender gemacht hatte. Ich war damals in einem Hamburger Kinderladen, der durch die Eltern organisiert wurde. Nach einem halben Jahr arbeitete ich dort schon fest als Erzieher und habe diese Tätigkeit dann über zwei Jahre ausgeführt.
Ich hatte schon immer viel Sport betrieben, vor allem Handball gespielt und ich hatte den Wunsch, Sport zu studieren. Nach reiflicher Überlegung wurde mir dann klar, dass es am sichersten ist, Sport auf Lehramt zu studieren, um dann als Lehrer ein gesichertes Einkommen zu haben.
Angeregt durch meine früheren Leistungskurse habe ich schließlich drei Bewerbungen an der Uni Hamburg abgegeben: erstens Physik, Politik, zweitens Geografie und Sport und als drittes Politik und Sport. Ich erhielt eine Zusage für Geografie und Sport, wobei ich Geografie nur genommen hatte, weil mein WG-Mitbewohner mir begeistert von diesem Studium erzählt hat. Dadurch erschien mir Geografie ein für mich passender Studiengang aus naturwissenschaftlichen und politischen Inhalten zu sein, ich dachte mir, dass dieses Fach zu mir passt.
Ich hatte sehr viel Spaß am Studieren, wurde dann aber bereits im dritten Semester Vater, weshalb ich ein Pause-Semester einlegte, um mich um das Kind zu kümmern. Danach musste ich richtig Gas gegeben, mein Diplom schnell zu erreichen, um einen Beitrag für meine Familie leisten zu können. Wir gründeten in dieser Zeit selbst einen Kindergarten als Elterninitiative, weil wir eine alternative Erziehung für unseren Sohn wollten.
Als ich dann 1987 fertig mit meinem Studium war, gab es einen Einstellungsstopp für Lehrer, deshalb arbeitete ich zunächst einige Jahre als Sozialarbeiter, bis ich schließlich über das Internat der Eichenschule in den Schuldienst kam.
ES-Magazin: Sie unterrichten ja mehrere Fächer. Gibt es ein Lieblingsfach? Und wenn ja, warum?
Herr Grenz-Gieseke: Mir gefallen alle meine Fächer. Ich unterrichte ja drei Fächer. Im ersten Studium in Hamburg mit anschließendem Referendariat habe ich das erste und zweite Staatsexamen das höhere Lehramt mit den Fächern Sport, Geographie und Gemeinschaftskunde abgelegt. Später habe ich berufsbegleitend Politik-Wirtschaft an der Uni Oldenburg studiert, weil mir das Fach schon immer sehr gefallen hatte und ich meine Kenntnisse in den Wirtschaftswissenschaften verbessern wollte.
ES-Magazin: Welches Fach hätten Sie immer gerne unterrichtet, obwohl Sie es nicht studiert haben?
Herr Grenz-Gieseke: Ich hätte gerne Mathe unterrichtet, weil ich es als Leistungskurs hatte und ich Mathe immer toll und faszinierend fand. Damals hatte ich noch nicht so darüber nachgedacht, dass es mit meinen Kurzfächern schwierig sein wird, Klassenlehrer zu werden.
ES-Magazin: Was gefällt Ihnen an der Eichenschule?
Herr Grenz-Gieseke: Mir gefällt die sehr gute Gemeinschaft und die Kollegialität an der Eichenschule. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern und als ehemaliger Großstädter fühle ich mich hier in der ländlichen Struktur und Gemeinschaft sehr wohl. Die gute Gemeinschaft habe ich in den Zeiten des Internats kennengelernt und besonders geschätzt. An fast jedem Abend haben wir Lehrer uns getroffene und über die Schule diskutiert, Schulentwicklungspläne geschmiedet und viel Spaß gehabt.
Ich finde auch, dass die Eichenschule mit einem Chor, einer Band, dem Theater, Sport und Kunst ein tolles, großes Angebot hat, wodurch hier immer schon gute Arbeits- und Lernbedingungen herrschten.
ES-Magazin: Gibt es für Sie einen oder auch mehrere besondere Eichenschul-Momente, von denen Sie uns erzählen können?
Herr Grenz-Gieseke: Da gibt es natürlich viele, schöne aber auch schlechte. Ein sehr prägender Moment, der mich auch noch Jahre beschäftigte, war natürlich der Mord an Stephan hier an der Eichenschule. Das war eine einschneidende und sehr traurige Erfahrung. Über die Zeit hinweg sind auch Schüler an Autounfällen gestorben, was einem immer nahe geht. Ein weiteres prägendes Ereignis war zudem die Schließung des Internats, bei der viele Leute entlassen wurden.
Die besten Erlebnisse hatte ich mit Schülern zum Beispiel in meinen Leistungskursen in Geografie und Politik, wo ich den Schülern mit Freude und Engagement zeigte, was in der Welt passiert. Auch habe ich früher die Sommerfeste der Eichenschule auf dem Internatsgelände organisiert, was mir immer viel Spaß gemacht hat.
Am besten fand ich meine Studienfahrten nach Italien, welche durch Geografie und Vulkanismus geprägt waren. Wir sind auf den Vesuv geklettert, haben uns die phlegräischen Felder und Pompeji angeschaut. Dadurch habe ich die Gegend um Neapel richtig gut kennengelernt und durch meine Verbundenheit dorthin angefangen, Italienisch zu lernen.
Aus dem Internat kann ich eine Anekdote erzählen, es war ein witziger Moment, an den ich mich erinnere. Bei gutem Wetter, saßen wir in der Mittagspause mit Kaffee aus der Cafeteria immer draußen und haben uns über den Schultag unterhalten. Herr und Frau Birnbaum hatten einen Hund namens Paul, welcher immer schwanzwedelnd ankam, damit wir seinen Ball warfen. Einmal hat Frau Jeske ihre Kaffeetasse auf den Boden gestellt und der Hund hat den Ball nach dem Apportieren in die Tasse fallen gelassen, sodass die Hosenbeine von Frau Jeske voll mit Kaffee waren. Wer Frau Jeske und den unschuldigen Blick von Paul noch kennt, der kann sich lebhaft die impulsive Reaktion meiner Kollegin und die dazu wenig passende Unschuldsmine des Hundes vorstellen.
Gern erinnere ich mich an unser Schülercafé, den „Treff“, oben im Glaskasten des Internats, in der ich viele nette Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern hatte.
ES-Magazin: Welche Pläne haben Sie für Ihren Ruhestand?
Herr Grenz-Gieseke: Ich habe schon seit Jahrzehnten mit Freunden ein Projekt, dass wir Oldtimer renovieren und damit im Sommer losfahren. Wir sind zum Beispiel jahrelang mit einem Hanomag und Zirkuswagen durch die Gegend gefahren. Jetzt haben wir ein altes Feuerwehrauto erworben und in ein Wohnmobil verwandelt. Damit wollen wir Anfang September in Richtung Südeuropa starten. Als Pensionär habe ich dann ja viel Zeit dafür.
ES-Magazin: Welche sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen? Haben Sie vielleicht ein besondere Hobby?
Herr Grenz-Gieseke: Eines meiner größten Hobbys war Handball, aber mit der Zeit macht der Körper das nicht mehr mit. Um dem Sport verbunden zu bleiben, war ich dann sehr lange Trainer. Ein besonderer Erfolg war der zweite Platz bei den Landesmeisterschaften, den holte für die Eichenschule ein von mir trainiertes Mädchenteam.
Dazu habe ich noch ein Ferienhaus mit einem kleinen Boot an der Elbe und natürlich die Oldtimer. Ein weiteres Hobby ist die italienische Sprache, das Lernen der Sprache war für mich schon immer ein perfekter Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit.
ES-Magazin: Welches ist Ihr Lieblingsessen, welcher Ihr Lieblingsfilm und welche Musik hören Sie am liebsten?
Herr Grenz-Gieseke: Ich esse nur sehr selten Fleisch weshalb mein Lieblingsessen klar Italienisch ist, weil es dort viele leckere vegetarische oder mit Meeresfrüchten zubereitete Gerichte gibt, wie zum Beispiel Spaghetti „Cacio e Pepe“, ein Meeresfrüchterisotto oder auch die vielen oberleckeren italienischen Nachspeisen. Ich liebe Vanilleeis mit Salz und Olivenöl.
Den letzten Film, den ich im Kino angeschaut habe, war „Like a complete Unkown“, ein Film über Bob Dylan. Den fand ich gar nicht schlecht. Wenn ich zuhause Filme gucke, dann meist auf Netflix etwas auf Italienisch und sonst Nachrichten und politische Sendungen.
Ich höre gerne Jazz und Rock. Meine Lieblingsband ist im Moment Snarky Puppy, das ist eine amerikanische Jazz-Rockband. Aber es gibt viele weitere Musikgruppen oder Interpreten, die mir gefallen.
ES-Magazin: Welche berühmte Person, tot oder lebendig, würden Sie gerne einmal treffen und warum?
Herr Grenz-Gieseke: Ich denke, ich würde gerne einmal Sophia Loren treffen. Sie ist eine wunderbare italienische Schauspielerin und da geboren, wo ich am liebsten in Italien bin. Ich denke, sie hat viel zu erzählen.
ES-Magazin: Welche 5 Gegenstände würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?
Herr Grenz-Gieseke: Hat die Insel WLAN? Dann mein Kindle, um Bücher zu lesen, einen Campinggaskocher mit Geschirr, eine Riesenpackung Spaghetti, etwas Kreatives, vielleicht einen Werkzeugkasten und natürlich meine Frau.
ES-Magazin: Was möchten Sie uns Schüler:innen und vielleicht auch Ihren Kolleg:innen, die bleiben, zum Abschluss mitgeben?
Herr Grenz-Gieseke: Meinen Kolleg:innen würde ich mitgeben, dass sie nicht so viel Energie an Dinge verschwenden, die nicht so wichtig sind und dass sie weiter Spaß an ihrer Arbeit haben. Den Schülerinnen und Schülern möchte ich mitgeben, dass sie dafür sorgen müssen, dass die Schule so bleibt wie sie ist. Damit meine ich, dass die gute Schulgemeinschaft weiter gelebt wird. Und natürlich, dass damit der „Spirit“ der Eichenschule erhalten bleibt.
ES-Magazin: Danke, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.
Herr Grenz-Gieseke: Gerne.
von Charlotte und Cäcilia aus Jahrgang 10
Beitragsbild: CJ