„Wir schenken uns nichts“ – Und trotzdem ist der Weihnachtsbaum voller Geschenke? Warum Weihnachten oft im Konsum versinkt und das Persönliche verloren geht
Alle Jahre wieder kehrt Weihnachten in den Familien ein. Es wird geplant, vorbereitet, dekoriert – und natürlich werden auch Geschenke gekauft. In unserer Familie gibt es eigentlich eine klare Abmachung: Wir schenken uns nichts. Wirklich nichts. Diese Regel haben wir eingeführt, um Stress zu reduzieren, den Konsum zu verringern und unseren Fokus weg von materiellen Dingen zu lenken. Denn Weihnachten sollte vor allem eines sein: ein Fest der Nähe, der Zeit füreinander und der Verbundenheit.
Doch dann kam Heiligabend. An diesem Abend versammelten wir uns alle bei uns – in diesem Jahr die Familie meiner Tante mit meinen Cousinen, mein Opa und meine Familie. Einen Tag zuvor hatten wir den Weihnachtsbaum aufgestellt. Da lag noch kein einziges Geschenk darunter. Doch als ich an Heiligabend als Letzte ins Wohnzimmer kam, traute ich meinen Augen kaum: Rund um den Baum stapelten sich wieder unzählige Päckchen. Groß, klein, liebevoll verpackt, jedes mit einem Buchstaben versehen, damit klar ist, für wen es bestimmt ist. Und wir saßen da, schauten uns an und fragten uns: „Wie konnte das schon wieder passieren?“
Der klassische Satz „Wir schenken uns nichts“ wird jedes Jahr aufs Neue angewandt. Doch warum sagen wir das immer wieder? Dahinter steckt eigentlich nur ein guter Gedanke: Wir wollen unseren Liebsten keinen zusätzlichen Druck machen und ihnen in der vollen Weihnachtszeit keinen weiteren Stress bereiten. Mit Kochen, Essen planen, Schmücken, Einladen und mehreren Familientreffen an drei aufeinanderfolgenden Tagen ist sowieso schon genug zu tun. Dabei sollte Weihnachten genau das Gegenteil sein: eine Zeit der Besinnung und der Entspannung, geprägt von Ruhe und gemeinsamen Momenten mit der Familie. Viele Menschen haben in dieser Zeit außerdem Urlaub und Kinder haben Ferien – eigentlich perfekte Voraussetzungen, um zur Ruhe zu kommen. Doch genau das geht in der Hektik oft unter. Wir sollten uns den ursprünglichen Gedanken hinter „Wir schenken uns nichts“ wieder mehr zu Herzen nehmen – und Weihnachten wirklich zu einer Zeit machen, in der Erholung an erster Stelle steht. Zudem sagen wir diesen Satz auch, weil es uns allen gut geht und wir uns die meisten Dinge, die wir haben wollen eh schon selbst kaufen. Wenn wir etwas brauchen, bestellen wir es schnell im Internet oder fahren kurz in das nächste große Einkaufszentrum. Unser Konsum ist stark – oft denken wir gar nicht lange darüber nach, ob wir etwas wirklich brauchen. Alles ist jederzeit verfügbar, die Auswahl riesig,und Kaufen gehört inzwischen ganz selbstverständlich zu unserem Alltag.
Dabei sollte Weihnachten eigentlich eine Zeit der Momente sein – mit Menschen, nicht mit Dingen. Eine Zeit für Gespräche, gemeinsames Zusammensitzen, Lachen und Nähe. Doch bei all dem Konsum und der vielen Geschenke, verlieren persönliche Gesten, wie z.B. ein handgeschriebener Brief, ein selbstgekochtes Essen oder ein schön geschmücktes Zuhause an Bedeutung. All das rückt in den Hintergrund, obwohl gerade diese Dinge Weihnachten besonders machen. Nicht zuletzt sagen wir diesen Satz auch deshalb, weil nicht alle Menschen im Umfeld das gleiche Budget oder die gleichen Möglichkeiten haben, Geschenke zu kaufen. Mit der Abmachung „Wir schenken uns nichts“ möchte man vermeiden, dass sich jemand verpflichtet fühlt, Geld auszugeben, obwohl es ihm schwer fällt. Am Ende führen all diese guten Gründe jedoch selten zum gewünschten Ergebnis. Wir schenken uns trotzdem etwas. Und das aus ganz menschlichen Gründen: Wir wollen anderen eine Freude machen, unsere Nähe und Liebe ausdrücken, überraschen und wir mögen es selbst auch, beschenkt zu werden. Es macht Spaß, verbindet und sorgt für schöne Momente. Das sind die positiven Seiten des Schenkens, denn sie gehören einfach dazu.
Deshalb ist es also schwierig zu sagen: „Wir schenken uns nichts“
Was ist also richtig – und was nicht? Eine eindeutige Antwort gibt es wohl nicht. Vielleicht liegt die Lösung in einem guten Mittelweg. Es ist förderlich den Gedanken „Wir schenken uns nichts“ nicht aus den Augen zu verlieren. Weihnachten sollte wieder stärker von Besinnlichkeit, Nähe und gemeinsamen Momenten geprägt sein. Persönliche Gesten verdienen mehrBedeutung! Vielleicht müssen wir nicht komplett auf Geschenke verzichten, aber wir können bewusster schenken: Um Konsumdruck zu vermeiden und das Fest zu entschleunigen, könnte man sich darauf einigen, nur Dinge zu verschenken, die wirklich gebraucht werden oder kleine Aufmerksamkeiten, die den finanziellen Rahmen nicht sprengen. So bleibt die Freude am Schenken erhalten und steht dabei ebenso für Zuneigung und Verbundenheit. So entsteht ein Weihnachten, das weniger von Konsum geprägt ist – und mehr von dem, was wirklich zählt: Zeit mit den Liebsten, Wärme und echte Verbundenheit.
Der Artikel wurde von unser Redakteurin Louisa aus dem 9. Jahrgang verfasst.